TransFair e.V.

Meine zweite Woche bei Fairtrade India in Bangalore hielt die erste Reise innerhalb Indiens bereit, und zwar in den kleinsten indischen Bundesstaat Goa zum Conscious Fashion Festival Goa in Südindien. Das Festival fand am Wochenende des 17. und 18. November zum ersten Mal überhaupt statt. Mit dem Festival sollten verschiedene Akteure aus dem Bereich des ethischen Konsums in der Textilwelt vernetzt werden. Ich habe mich gefreut, Devina begleiten zu dürfen, die auf dem Podium für Fairtrade gesprochen hat. Außerdem war es die erste Konferenz, an der ich teilgenommen habe, die bei 30 Grad im Freien unter einem Pavillon und mit vielen Lampions dekoriert stattgefunden hat. Neben der wunderschönen Kulisse bot das Programm viele interessante Einblicke in die aktuelle Debatte um nachhaltige Mode in Indien.

 

Fast Fashion und Bauernsuizide

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Am ersten Tag diskutierten Designer, Journalisten und Wissenschaftler aus Indien in mehreren Panels ziemlich kontrovers darüber, was bewusster Konsum bedeutet, welche Rolle Technologie in der ethischen Produktion spielt und wie skalierbar nachhaltige Textilien sind. Abends wurde der preisgekrönte Film Nero`s Guests gezeigt. Ein Dokumentarfilm, in dem die indische Regisseurin Deepa Bhatia, die sonst für Bollywood-Filme bekannt ist, schonungslos über Bauernsuizide in Indien berichtet. Betroffen sind vor allem Baumwollbauern, was in Indien offensiv thematisiert wird – auch dank der Kampagnenarbeit von Fairtrade India.

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In Europa habe ich davon bislang kaum gehört, nur vereinzelt wurde in Medienberichten darauf eingegangen, dabei sind diese Massensuizide nicht weniger als eine humanitäre Katastrophe, die wir wenigstens indirekt alle durch unseren Konsum legitimieren. Wir sprechen in Deutschland bei Fairtrade recht abstrakt davon, die Lebens- und Arbeitsbedingungen von Bauern und Arbeitern verbessern zu wollen, nicht aber davon, Bauernsuizide verhindern zu wollen. Demgegenüber werden diese Zustände hier in Indien deutlich ausgesprochen – zwei sehr verschiedene Arten der Kommunikation. Mir gefallen die plakativen Slogans, ich bin mir zwar nicht sicher, ob es die potenziellen Konsumenten anspricht oder abschreckt. Aber es ist eben die Wahrheit, dass genau solche tragischen Fakten Bestanteil unseres kapitalistischen Systems sind.

Debatte um die Skalierbarkeit

Am zweiten Festivaltag wurde Designern eine Plattform geboten, ihre eigenen Stücke zu präsentieren, später gab es noch Workshops, Vorträge und eine Modenschau. Obwohl ich gerne einige der schönen handgemachten Unikate gekauft habe, glaube ich nicht, dass sich bewusster, ethischer oder nachhaltiger Konsum schon darin erschöpft, junge Designer auf ihrem Weg zu unterstützen. Es fühlt sich zwar besser an als in großen Ketten einzukaufen, aber entwicklungspolitisch wertvoll ist es noch nicht unbedingt. Ich muss daran denken, wie Kalpona Akter, Leiterin des Bangladesh Center for Worker Solidarity (BCWS), auf einer Veranstaltung über die Modeindustrie vor ein paar Wochen immer wieder betont hat, dass den Arbeiterinnen nicht dadurch geholfen sei, das Sortiment aus Bangladesch zu boykottieren.

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Genauso ist das Prinzip Fairtrade auf Skalierbarkeit angelegt. Die Formel ist einfach, aber wirkungsvoll: Je mehr faire Produkte gekauft werden, desto mehr Kleinbauern profitieren. Die Verkaufsstände der Designer erinnern mich ein bisschen an die Weltläden als ethische Mikrokosmen. Ich kaufe gerne dort, befürworte aber gleichzeitig die Discounter – weil der positive Effekt so einfach größer ist.

Es gibt keine einfache Lösung

Mich interessiert das Thema Fair Fashion besonders, weil es eine unvergleichbare Herausforderung darstellt, ein Kleidungsstück verantwortungsvoll zu produzieren. Der Herstellungsprozess ist bis zur Fertigstellung sehr viel komplexer als bei anderen Produkten, so dass etliche Schritte bedacht werden müssen, um ein Textilstück fair produzieren zu können. Bei meiner Mitarbeit am Texilnewsletter in diesem Frühling habe ich gemerkt, wie mühsam dieses Projekt ist. Der Newsletter erschien ein Jahr, nachdem Fairtrade den Textilstandard und das Textilprogramm eingeführt hat. Noch sind keine Klamotten in den Stores erhältlich, die dem Standard entsprechen und das wird auch noch dauern. In einem ersten Schritt geht es erst einmal nur darum, die Grundlagen dafür zu schaffen, dass der Standard umgesetzt werden kann.

Syed Nasserudeen

Der Newsletter wurde am 24. April zum Fashion Revolution Day verschickt, der an die Tragödie der eingestürzten Textilfabrik Rana Plaza von 2013 erinnert. Die Situation in Bangladesch ist nach wie vor sehr angespannt. Der Einsturz der Fabrik hat Medien und Konsumenten zwar dazu genötigt, sich mit den unmenschlichen Arbeitsbedingungen im Textilsektor auseinanderzusetzen. Trotzdem scheint es noch viel Doppelmoral in der öffentlichen Diskussion zu geben. Primark ist absolut in Verruf geraten, aber produzieren Mango, Zara & Co. anders? Sind die Nachhaltigkeitskampagnen zum Beispiel von H&M und C&A wirksam oder nur Greenwashing? Und stimmt es wirklich, dass Altkleidercontainer die lokale Wirtschaft im Süden torpedieren? Es herrscht immer noch viel Verwirrung, was richtig und was falsch ist.

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Es gibt gute Initiativen, wie etwa den Fair Fashion Shopping Guide für Köln von dem Bonner Verein FEMNET. Aber ich merke immer wieder, wie kompliziert es ist, alle textilen Zusammenhänge nachzuvollziehen. Zumal jetzt zwar über die Arbeiterinnen und Näherinnen gesprochen wird, nicht aber über die Millionen von Baumwollbauern in Asien und Afrika, wie Dieter Overath in einem Interview zu bedenken gibt. Es gibt in allen Hinsichten wirklich noch unwahrscheinlich viel zu tun. Es macht aber Hoffnung zu sehen, dass mehr und mehr passiert und dass Fairtrade einen Anteil daran hat. Das Conscious Fashion Festival Goa war als Veranstaltung der indischen Fairtrade Week gelistet. Das Festival wurde von der Alliance Française organisiert und fand bei Paper Boat Collective statt. Ich hoffe sehr auf eine Folgeveranstaltung im nächsten Jahr.