Ich bin momentan in Indien und erkunde mit Fairtrade-Kolleginnen und Kollegen indische Betriebe, die mit uns die ersten Schritte in Richtung Implementierung des Textilstandards gehen möchten. Nach umfangreichen Konsultationen und Testaudits in den Produktionsländern starten wir nämlich nun gemeinsam mit Fairtrade International mit der Vorarbeit zur Implementierung des Standards in den Hot Spots der Textilindustrie.

Gemeinsam mit drei indischen Betrieben in Richtung Fairtrade-Textilstandard

Mit einem Exportvolumen von 40,2 Millarden US-Dollar ist Indien derzeit zweitgrößter Textilexporteur der Welt, nach China. 11.000 registrierte Produktionsbetriebe im Textilen Sektor mit mehr als 6 Millionen Beschäftigten; von 2013 auf 2014 ist das Exportvolumen Textilien um mehr als 20 Prozent gestiegen. Nach wie vor sind Zwangsarbeit, unsichere Arbeitsbedingungen und nicht ausreichende Bezahlungen ein elementares Problem in der Textilindustrie. Drei Betriebe, in drei unterschiedlichen Staaten Indiens, erklären sich bereit mit Fairtrade die ersten Schritte in Richtung Implementierung des Textilstandards zu gehen. Die Herausforderung aller Standards ist die Umsetzung der Anforderungen vor Ort in den Produktionsländern. Mit den Fairtrade Produzentennetzwerk in Asien, Afrika und Lateinamerika haben wir Kollegen die diese Arbeit durch Schulungen und Trainings umsetzen.

Start im Textilzentrum von Tirupur

Die erste Station unserer Arbeit, im Staat Tamil Nadu. Rund um die Stadt Tirupur befindet sich eines der großen Textilzentren Indiens, mehr als 90% aller exportierten Strickartikel werden hier hergestellt. Nach 19 Stunden Reisezeit, mit Zug, Flugzeug und Auto erreichen wir unseren Zielort: Erode . Der Produktionsbetrieb ist in den Bereichen Spinnen, Stricken und Veredlung tätig. Unser Assessment führen wir in der Produktionsstufe Veredlung durch. In dieser Stufe der Verarbeitung kommt es zum Einsatz zahlreicher Chemikalien die bei falschem Umgang eine Gefährdung für Arbeiter und Umwelt bedeuten können. Etwa 1.000 Arbeiter sind in diesem Sektor des Unternehmens tätig. Veredlungsvorgänge wie Bleichen, Färben und Drucken werden hier durchgeführt. Wir haben Experten hinzugezogen für soziale Kriterien und den Umgang mit Chemikalien.

Am ersten Tag finden Gespräche mit dem Management zu bestehenden Prozessen und Systemen statt. Der Betrieb hat bereits zahlreiche Standards durchlaufen im ökologischen wie im sozialen Bereich. Das Unternehmen engagiert sich über das übliche Entlohnungssystem hinaus und zahlt den Arbeitern Wege – Unfallversicherungen und Weiterbildungsmöglichkeiten. Für den sozialen Sektor werden gezielte Fragen zu Schulungsinhalten und Trainings, z. B. zum Umgang mit Schutzausrüstungen, gestellt und Interview mit Arbeitern durchgeführt. Für den Chemikalien Sektor wird ein Assessments zum Einsatz, Lagerung, Umgang und Transport der Chemikalien durchgeführt. Die Abwasseranlage und der Maschinenpark werden auf Sicherheit und regelmäßige Wartung überprüft. Bestehende Kontrollmechanismen und Dokumentierung werden auf Effizienz hinterfragt.

Zum Ende der drei Tage gemeinsamer Arbeit, schlagen die Experten eine Reihe von Maßnahmen vor, die zu einer Verbesserung der Sicherheit für Arbeiter und Umwelt als auch zur Stärkung der Rolle der Arbeitnehmervertretung führen. Es besteht das Angebot einer Unterstützung für den Produktionsbetrieb seitens Fairtrade International für die Umsetzung der Vorschläge.

2. Station: Sangli in Maharstra

Wir setzen unsere Reise fort, von Tamil Nadu nach Maharstra. Von Mumbai geht es weiter mit dem Auto Richtung Süden. Am Nachmittag sind wir am Ziel. Der Produktionsbetrieb, in der Nähe der Stadt Sangli, ist bereits unter dem Fairtrade Händler Standard für Baumwolle zertifiziert. Circa 200 Arbeiter sind hier im Bereich der Konfektionierung beschäftigt. Zugekaufte Stoffe werden zugeschnitten, bedruckt, genäht, gebügelt und verpackt.

Der Betrieb hat Kunden im Bereich Arbeitsbekleidung und Accessoires und es werden nur Webwaren weiterverarbeitet. Wir werden vom Management begrüßt. Es folgt ein Rundgang durch die Fabrik und die Besprechung des Ablaufes unseres Assessments für die kommenden zwei Tage. Ausführlicher Austausch zu bestehenden Management Systemen und bereits durchlaufenen Zertifizierungen. Die Produktion ist nach verschiedenen ISO Normen koordiniert und organisiert. Der Einfluss großer Kunden, welche klare Vorgaben zu Abläufen und Praktiken geben, ist ersichtlich. Das Unternehmen hat eine Druckerei angeschlossen, hier werden zugeschnittene Teile auf großen Drucktischen bedruckt. Unser Experte checkt die Lagerung und den Umgang mit den Chemikalien die eingesetzt werden. In Gesprächen mit Arbeitergruppen werden Inhalte und Häufigkeit der Trainings besprochen. Das Unternehmen zahlt über dem gesetzlichen Mindestlohn. Unser Experte berät zu verschiedenen Trainingsmöglichkeiten in den Sektoren Arbeitssicherheit und Chemikalieneinsatz. Hier in Sangli verabschieden wir uns von unserem Kollegen Raju, mit dem Nachtzug wird er nach Bangalore zurückreisen. Für uns drei geht es zurück nach Mumbai

Am nächsten Tage fahren wir mit dem Auto Richtung Norden, dort erstreckt sich der Staat entlang der Küste. Viele Baumwoll-Entkörnungsbetriebe sind hier angesiedelt, wir haben allerdings einen Termin mit einem Konfektionsbetrieb. Der Fabrikbesitzer erwartet uns bereits. Etwa 300 Mitarbeiter beschäftigt die Fabrik – auch dieser Betrieb ist bereits unter dem Fairtrade-Händler Standard für Baumwolle zertifiziert. Das Unternehmen arbeitet mit vielen nachhaltigen Brands hauptsächlich für Kinderbekleidung zusammen. Es wird hauptsächlich Rundstrick und Webware verarbeitet. Vor einiger Zeit hat das Management einige Flachstrick Maschinen angeschafft – sowohl Handstrick- als auch Vollautomaten. Wir durchlaufen einen Fabrikrundgang durch alle drei Gebäude. Die Fertigstellung eines großen Auftrages steht bevor, die Ware soll heute Abend per Lastwagen Richtung Mumbai Hafen transportiert werden. Alle sind beschäftigt und die Produktion läuft auch Hochtouren. Am kommenden Tag führt unser Experte Gespräche zu Prozessen und Dokumentationen, Ablauf bei der Einstellung neuer Mitarbeiter und dazugehörige Arbeitsverträge.

Es gibt eine größere Anzahl Leiharbeiter, die über eine Agentur vermittelt werden. Wir führen Gespräche mit Arbeitern, Arbeitnehmervertretung und einigen Komitees. Das Gehaltsgefüge für die Leiharbeiter ist unklar– sie werden auf Stückbasis gezahlt. Es bleibt die Frage wie hoch ist das endgültige Gehalt der Arbeiter ist. Im Bereich der Druckerei gibt es Mängel, was den Umgang und die Lagerung betrifft. Druckpasten stehen im Arbeitsbereich unter den Drucktischen und sind nicht ausreichend beschriftet. Zudem haben die Arbeiter wenig effiziente Arbeitsschutzbekleidung zur Verfügung. Im Abschlussgespräch schildert der Experte die Punkte welche durch Schulungen und Trainings verbessert werden könnten und gibt Hinweise zu notwendigen Maßnahmen und Schulungen.

Für uns endet diese interessante Arbeit hier. Wir reisen zurück nach Mumbai und von dort geht mit einem Nachtflug weiter Richtung Deutschland.

Wie es weiter geht

Allen drei Fabriken werden Berichte im Anschluss zugsendet. Diese schildern die Gefahrenquellen und Ansatzpunkte zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen und die möglichen Trainings und Schulungen. Fairtrade International wird diese Programme auch unabhängig von einer Zertifizierung unter dem Textilstandard für interessierte Produktionsbetriebe anbieten. Auch sind Kooperationen mit Auftraggebern möglich um gezielte Schwachpunkte in der Produktion anzugehen und neue Prozesse zu implementieren.