Sierra Leone ist durch den schrecklichen Bürgerkrieg in allem zurückgeworfen. Von den Straßen über zerstörte Dörfer bis hin zur Landwirtschaft haben die zehn Jahre Krieg ihre Spuren hinterlassen. Unterwegs endlos viele Menschen, die mit dem Sammeln von Brennholz beschäftigt sind. Überall stehen die kleinen Holzstapel herum. Das Leben findet ohnehin an der Straße statt, wo mit allem gehandelt wird. Abends brennen kleine Feuer am Wegesrand und es sieht aus als wenn dieses Land nicht schlafen geht. Das alles bei enormer Hitze und Luftfeuchtigkeit, die auch mir zu schaffen macht.
In den „Kakaogürtel“ kommt man nur über primitive Lehmpisten, die während der Regenzeit unpassierbar sind. Es geht durch teilweise noch nicht abgeholzten Urwald. überraschend viele Flüsse, an denen immer auch gewaschen wird und Trinkwasser geholt wird, was dann oft kilometerlang getragen werden muss.
Dann tauchen die ersten Kakaobäume auf. Ich sehe zum ersten Mal sogenannten Waldkakao und nicht wie sonst üblich große Kakaofelder. Die Pflanzungen lagen jahrelang brach, weil die Menschen im Krieg aus den Dörfern geflüchtet sind. So langsam sind die Menschen wieder zurückgekehrt und versuchen „ihr altes Leben“ wieder aufzubauen.
Im Grunde ist der ganze Anbau hier „organisch“ weil es an Geld für Düngemittel mangelt, aber auch weil die Einbindung der Kakaobäume in einen natürlichen Wald keine Fertilerer erfordert. Vor dem Krieg war der Kakao berühmt für seine besondere Qualität. Jetzt hat er einen Malus, weil es in der Verarbeitung an vielem mangelt. Gute Stellen zum Trocknen und Fermentieren fehlen. Hier leistet die Welthungerhilfe mit ihren Projekten im Kakaogürtel wertvolle Hilfestellung. Die gute Qualität des Kakaos wird jetzt durch eine bessere Weiterverarbeitung bewahrt. Zwar noch auf einem Niveau, das der Weltmarkt mit einem „Minus“ von 200 bis 300 Dollar pro Tonne abstraft, aber die nächste Ernte lässt hoffen.
Der Empfang in den Dörfern war überwältigend. Es kommt nicht oft Besuch vorbei! Ich habe jetzt einige Kilo an Mustern im Gepäck, um in Deutschland bei Schokofirmen für diesen Kakao zu werben. Gleichzeitig ist der FLO-Cert Inspektor, quasi der Fairtrade TÜV unterwegs, um die große Millenniumskooperative mit mehreren Tausend Bauern zu zertifizieren. Die Kooperative setzt große Hoffnung auf Fairtrade um die vielen Projektideen, die sie haben, umzusetzen.
Erschöpft kehren wir in der Dunkelheit nach Kenema zurück. Dies ist der einzige Ort, wo es ein Hotel gibt und von wo aus wir dann immer in stundenlangen „Schüttelfahrten“ in die entlegen Dörfer fahren. Trotz der Misere herrscht eine Aufbruchstimmung und es ist schön zu spüren, dass es trotz der schrecklichen Erlebnissen in dem zehnjährigen Bürgerkrieg keine Aggressionen mehr gibt. Dies grenzt fast an ein Wunder.