Über 400 Teilnehmende aus mehr als 50 Ländern trafen sich Anfang März in Schwäbisch Hall beim Internationalen Kongress der Kleinbauern zusammen, um über die Lebens- und Arbeitssituation von Millionen von Menschen in ländlichen Gebieten, Bauern und Bäuerinnen, Landarbeiter*innen, Fischer*innen und Hirten aufmerksam zu machen und zu informieren. Diese sind die Verlierer*innen der modernen Industriegesellschaften und werden oftmals ihrer Lebensgrundlagen, ihres Landes und ihrer Kultur beraubt. Kleinbäuerliche Betriebe sichern einen Großteil unserer Nahrungsmittelproduktion, doch stehen sie einer Handvoll großer Einzelhändlern gegenüber, die den Zugang zu den Märkten in den reichen Ländern kontrollieren. Als erstes Glied in der Produktionskette sind die Kleinbauern am stärksten betroffen von den ungleichen Machtverhältnissen in den globalen Lieferketten und erhalten nicht den gerechten Teil der Wertschöpfung. Sie sind besonders von Armut und Hunger bedroht.

Hintergründe und Auftakt

Hintergrund des Kongresses war die Entwicklung einer eigenen UN-Deklaration für die Rechte von Kleinbauern und anderer im ländlichen Raum arbeitenden Menschen, die auf eine Initiative der Organisation La Via Campesina von 2002 zurückgeht. Das Vorhaben wird nach langem Zögern nun vom Menschenrechtsrat der UN vorangebracht; im kommenden Mai (15. – 19. Mai) gehen die entsprechenden Verhandlungen in die vierte Runde.

Bereits am Vorabend des Kongresses setzten zwei prominente Redner im festlichen Rahmen auf Schloss Kirchberg die ersten Impulse: Ernst Ulrich von Weizsäcker, Präsident des Club of Rome und Hartmut Vogtmann, Präsident des Deutschen Naturschutzrings und Wegbereiter für ökologischen Landbau weltweit.

Kongressbeginn

Der Kongress begann dann am Mittwoch, 8. März im Neubausaal in Schwäbisch Hall, einem beeindruckendem Bau aus dem 16 JH, der damals als Getreidespeicher diente und heute als Veranstaltungsort für Kongresse, Theateraufführungen und andere Veranstaltungen genutzt wird.

Klaus Töpfer (ehemaliger Direktor des UN-Umweltprogramms), Nardi Suxo (bolivianische Botschafterin und Vorsitzende der Arbeitsgruppe für die Erarbeitung der UN-Erklärung) und der Generalsekretärs der FAO, José Graziano da Silva (per Video-Botschaft), forderten in ihren Eingangs-Beiträgen mehr Wertschätzung gegenüber der bäuerlichen Landwirtschaft.

Vielfältige Themen

Viele verschiedene Aspekte wurden in den folgenden Tagen angesprochen, von den dramatisch fortschreitenden Konzentrationsprozessen des Landbesitzes und der Ackerflächen u.a. durch Vertreibung und Landraub, der zunehmenden Umweltzerstörung durch die industrielle Agrarproduktion von Großerzeugern und dem Verlust von Biodiversität, das Patentieren von (gentechnisch manipuliertem) Saatgut durch große Saatguthersteller, wodurch Kleinbauern in weitere Abhängigkeiten gedrängt werden, dem fehlenden Zugang zu Produktionsmitteln und Finanzen bis zu der Kriminalisierung von Kleinbauern, sobald diese sich organisieren und wehren und der Diskriminierung von Frauen – gerade am Internationalen Frauentag besonders aktuell!

In zahlreichen Erfahrungsberichten schilderten betroffene Kleinbauern und Kleinbäuerinnen ihre dramatische Situation und es wurde deutlich, wie wichtig eine eigene UN-Deklaration für diese marginalisierte Gruppe ist – trotz unterschiedlicher individueller Ausgangssituationen. Gerade die persönlichen Schilderungen und Gespräche haben mich sehr beeindruckt.

Eindrücke vom Kongress

Dabei wurde auch angesprochen, warum eine UN-Deklaration eigens für diese Zielgruppe wichtig ist und nicht durch die allgemeine Erklärung der Menschenrechte abgedeckt wird: Durch diese neue Erklärung werden keine neuen Rechte geschaffen, aber die Menschenrechte werden so für diese Gruppe neu beleuchtet und in einem menschenrechtlichen Kontext gebracht. Die Erklärung fasst die Situation und Bedarfe dieser großen, vernachlässigten Gruppe zusammen und zeigt deren Bedarfe auf. Sie dient den Kleinbauern und anderen im ländlichen Raum arbeitenden Menschen zunächst als Selbstvergewisserung und Bestätigung ihrer Rechte, für die Staaten als Ermutigung, die Schutzpflicht gegenüber diesen marginalisierten Gruppen wahrzunehmen und für die Zivilgesellschaft ist sie ein Monitoring-Instrument.

Workshops

In verschiedenen Workshops am Donnerstagvormittag wurden einzelne Paragrafen der Erklärung inhaltlich überarbeitet. Fairtrade Deutschland nahm aktiv an dem Workshop zu dem Recht auf ein angemessenes Einkommen, Recht auf Nahrung, Recht auf Marktzugang und faire Handelsbedingungen teil, gemeinsam mit Brot für die Welt, Naturland, dem Forum Fairer Handel und der Gepa.

Am Donnerstagnachmittag wurden die internationalen Teilnehmenden eingeladen, im Rahmen von verschiedenen Exkursionen landwirtschaftliche Betriebe in der Region zu besichtigen: den Schlachthof der BESH, eine Käserei, oder auch die ECOLAND Herbs & Spices Gewürzmanufaktur, die Gewürze aus kleinbäuerlichen Betrieben in Indien, Sansibar und Montenegro importiert und dort durch viele Projekte den ökologischen Anbau unterstützt. Auf dem Speicher einer alten Scheune lagerten Säcke über Säcke von Gewürzen und Kräutern und erfüllten die Luft mit exotischen Gerüchen!

Die Ergebnisse der Workshops und Diskussionen flossen in ein Abschlussmanifest ein, das zum Ende der Veranstaltung am Freitag morgen den Teilnehmenden vorgestellt wurde. In Schwäbisch Hall, einem der Zentren der „Großen Bauernkriege“ wurde an diesen 4 Tagen der Widerstand der Kleinbauern gegen Ausbeutung und Unterdrückung eindrucksvoll bestätigt und ihre Forderungen nach mehr Anerkennung und Wertschätzung unterstützt!

Unterstützung

Der Kongress wurde von Fian, der Europäischen Koordination La Via Campesina, der Stiftung Haus der Bauern/BESH organisiert und von zahlreichen Organisationen unterstützt, die sich für mehr soziale Gerechtigkeit auf der Welt einsetzen, so auch Fairtrade Deutschland und noch einige andere unserer Mitgliedsorganisationen wie misereor, Brot für die Welt, die Welthungerhilfe, die Katholischen Landjugendbewegung.

Weitere Infromationen gibt es auf der Webseite International Congress – Global Peasants Rights.