Die Spielregeln fuer die Nutzung der Fairtrade Prämie sind relativ simpel. Sie soll der Gemeinschaft dienen. Sie soll die soziale, ökonomische und ökologische Entwicklung der Arbeiterfamilien und der Gemeinden fördern. Und sie soll im Sinne einer demokratischen Mehrheit investiert werden. Die Entscheidung über die Nutzung fällt der Joint Body. Soweit die Theorie.

 

Treffen der Arbeiterschaft vom Weingut Koopmanskloof

Von der Theorie zur Praxis

Beim Weingut Koopmanskloof passen Theorie und Praxis nur bedingt zusammen. Beispielsweise wird der Fairtrade-Officer, Peter Titus, zu 80 Prozent durch Fairtrade-Prämiengelder bezahlt. Das ist soweit in Ordnung, sagt Malin, vorausgesetzt es entspricht dem Willen der Arbeiterinnen und Arbeiter. Und vorausgesetzt, Peter arbeitet tatsächlich zu 80 Prozent für den Joint Body bzw. die Arbeiter und nicht für das Management. Aber ist dem tatsächlich so? FLO-Cert verlangt Transparenz. Es muss nachvollziehbar sein, dass die Prämie im Interesse der Arbeiter investiert wird. Doch genau hier hapert es. Wofür investieren? Was will die Mehrheit überhaupt? Und: was davon ist realistisch und tatsächlich umsetzbar? Vier verschiedene Farmen gehören zu Koopmanskloof. Unterschiedliche Entfernungen zum Arbeitsplatz und unterschiedliche Lebensbedingungen führen fast Zwangsweise zu Interessenkonflikten.

„Needs Assessment“ – Was wirklich gebraucht wird

Um 7 Uhr beginnt das “Needs assessment” – die Bedarfsanalyse – bei Koopmanskloof. Peter Titus hat Malin gebeten, daran teilzunehmen. Über 100 Arbeiterinnen und Arbeiter sind gekommen und sitzen auf Plastikstühlen in einem Raum, der bis auf die Versammlungsfläche voller Barrique-Weinfässer steht. Dementsprechend riecht es nach Wein und modriger Feuchtigkeit. Peter Titus ist ein herzlicher Mann um die Mitte 40, er hat einen guten Draht zu den Arbeitern und ist sehr interessiert an Fairtrade. Leider, meint Malin, fällt ihm schwer, seine Rolle tatsaechlich auszuführen. Er weiß eigentlich Bescheid, dass Prämienprojekte durch die demokratische Mehrheit legitimiert werden müssen. Trotzdem gab es bisher noch keine solche Versammlung, wie heute…

Peter Titus ist Fairtrade Officer bei Koopmanskloof. Seine Stelle ist zu 80 Prozent durch Praemiengelder finanziert.

Peter Titus ist Fairtrade Officer bei Koopmanskloof. Seine Stelle ist zu 80 Prozent durch Prämiengelder finanziert.

Das Treffen findet auf Afrikaans und Xhosa statt – Malin hat wieder Flyer dabei und erklärt das Fairtrade-System. Sie zeigt Fotos von gelungenen Prämienprojekten, erklärt, worauf es beim Einsatz der Prämie ankommt, und dass es auch wichtig ist, auf langfristige Auswirkungen zu achten, sei es, weil ein Prämienprojekt laufende Kosten zur Folge hat, oder auch, weil Prämienprojekte Geld generieren und somit zweifach positive Auswirkungen haben können. Nach der Theorie folgt der eigentlich wichtige Teil. Aufgeteilt in Gruppen nach ihrer jeweiligen Herkunftsfarm und nach Geschlecht sollen die Arbeiterinnen und Arbeiter besprechen, wo ihre Bedürfnisse liegen. Jede Gruppe bekommt Karteikarten, um die wichtigsten Ideen festzuhalten.

Ein eigenes Dach über dem Kopf

Die Ergebnisse der Gruppenarbeit werden im anschließenden Joint Body Meeting besprochen. Die Auswertung der Karteikarten zeigt ein recht eindeutiges Ergebnis. Weit vorn liegt der Wunsch nach eigenen Häusern. Ein Eigenheim – Sicherheit und ein Dach über dem Kopf, auch über den Job hinaus – die eindeutige Nummer Eins. Als weitere Wünsche stehen Hausaufgabenbetreuung (After School Project), ein Forschungszentrum und der Ausbau der Kinderkrippe auf der Agenda. Es gibt noch weit mehr Vorschläge. Auch die Bezahlung von Peters Stelle ist einer davon. Nun liegt es am Joint Body, zu entscheiden. Rund 31.000 Euro Prämiengelder stehen derzeit zur Verfügung. Um Häuser für über 100 Arbeiterinnen und Arbeiter zu bauen viel zu wenig. Andererseits könnte man mit ein paar Häusern anfangen und dann nach und nach mehr dazu bauen. Doch was, wenn – aus welchen Gründen auch immer – die Fairtrade-Prämie ausfallen würde? Wer käme als erstes dran, wer muss warten?

Kompromiss mit Transparenz

Die Mitglieder des Joint Body werten die Ergebnisse der Gruppenarbeit aus.

Die Mitglieder des Joint Body werten die Ergebnisse der Gruppenarbeit aus.

Die Joint Body-Mitglieder wägen ab, vergleichen, was nötig und was möglich ist. Alles wird notiert, die Karteikarten und Flip Chart-Plakate aufbewart, um beim nächsten FLO-Cert Audit einen trasparenten Entscheidungsprozess vorweisen zu können.

Malin bleut den Joint Body-Mitgliedern ein, langfristig zu denken: Ein Sportplatz mag eine nette Idee sein, aber wie viel größer ist der Mehrwert, wenn man durch ein Prämienprojekt die eigene finanzielle Situation zukünftig verbessert. Wir fahren zurück und überlassen es den Mitgliedern des Joint Body und Peter Titus, das Needs Assessment weiter auszuwerten. Bevor wir aufbrechen sieht es nicht nach Hausbau aus. Zu wenig Geld für ein Großprojekt wie dieses. Aber die Hausaufgabenbetreuung scheint gute Chancen zu haben…
Im Auto sagt Malin zu mir: „Du weißt, wie wenig die Arbeiter verdienen. Es wäre so gut, wenn sie in ein Projekt investieren, das sie ökonomisch besser stellt. Aber ich kann nachvollziehen, dass der Wunsch nach einem eigenen Heim so groß ist – die Arbeiter hatten noch nie eigenen Besitz.“

Das Fairtrade-zertifizierte Weingut Koopmanskloof

Das Fairtrade-zertifizierte Weingut Koopmanskloof

Noch ist alles offen und ich bin gespannt, welches Projekt der Joint Body von Koopmanskloof in Angriff nehmen wird. Eines ist klar: Es ist ein Kompromiss, der kleinste gemeinsame Nenner aus Machbarkeit und Notwendigkeit. Ob Peter langfristig Fairtrade Officer bleibt…?