Die Ampel schaltet auf Rot – wir fahren mit unverminderter Geschwindigkeit weiter. Frauen mit Kindern in Schuluniformen an der Hand springen zurück auf den Gehweg, um sich in Sicherheit zu bringen. Es ist die dritte rote Ampel, die wir an diesem Morgen überfahren und ich setze nun doch einmal vorsichtig an, um darauf hinzuweisen. „I know!“, werde ich sofort unterbrochen. „Just wave and smile, Giovanna. Wave and smile.“ Also gut. Dies sind bereits meine letzten Tage in Kapstadt und wie meistens wenn ich hier in einem Auto oder Bus sitze, hoffe ich dass es nicht auch meine letzten Tage überhaupt sind.

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TeilnehmerInnen beim Leadership-Workshop.

Wir sind unterwegs nach Paarl in den Wine Lands, etwa 60 Kilometer von Kapstadt entfernt. Wir, das sind Anne-Mart Lemmer und ich. Anne-Mart ist Members and Partnership Managerin des Fairtrade Africa – Southern Africa Network (FTA-SAN). Ein Ziel von FTA-SAN ist es, Kapazitäten aufzubauen, damit Arbeiterinnen und Arbeiter ihre Lebensbedingungen aus eigener Kraft verbessern können. Daher findet heute in Paarl ein Workshop zum Thema Leadership statt, an dem 120 Arbeiterinnen und Arbeiter umliegender Fairtrade-Farmen teilnehmen. In drei Tagen erhalten sie hier Anregungen, wie sie eine führende Rolle übernehmen können um Gemeinschaftsprojekte zu verwirklichen oder alternative Einkommensquellen zu schaffen. Veranstaltungsort ist das Gemeinschaftszentrum des Fairview-Weingutes, dem insgesamt zehn Fairtrade-zertifizierte Farmen in der Umgebung angehören. Auch hier: Weinreben soweit das Auge reicht, malerisch eingerahmt von den Paarl-Bergen.

Fairtrade-Produzenten stärken sich gegenseitig
Nachdem ich am Vormittag Vorträge und Gruppendiskussionen gehört und an praktischen Übungen teilgenommen habe, atme ich am Nachmittag einmal tief durch bevor ich wieder ins Auto steige. Diesmal fährt Athenkosi Gosani, die Produzentenberaterin für Südafrika. Wir machen uns auf den Weg zur AFIT Spring School, die praktischerweise ebenfalls in Paarl stattfindet. AFIT steht für Association for Fairness in Trade und ist eine Organisation von Fairtrade-Produzenten für Fairtrade-Produzenten. In Zusammenarbeit mit Fairtrade Africa vernetzt AFIT Fairtrade-Bauern und -ArbeiterInnen um Wissen über das Fairtrade-System zu teilen, Kapazitäten aufzubauen und ihre Repräsentation im Fairtrade System zu stärken. Hierfür werden regelmäßig Workshops in Südafrika und neuerdings auch in Simbabwe veranstaltet. Außerdem reist eine Theatergruppe von AFIT zu Fairtrade-Farmen, um die Beschäftigten dort mittels eines Theaterstücks über ihre Rechte aufzuklären.
Einmal jährlich findet die viertägige AFIT Spring School statt, in der Workshops zu Arbeitnehmerrechten, Prämienverwendung, Leadership und Klimawandel angeboten werden. Und wir sind heute dabei! Die TeilnehmerInnen sind kleinbäuerliche Produzenten und ArbeiterInnen von Fairtrade-Farmen, die aus ganz Südafrika angereist sind. Der Workshop zu Arbeitnehmerrechten findet heute auf Afrikaans statt, da dies die Muttersprache der meisten TeilnehmerInnen ist. Ich verstehe somit nicht viel – doch auf mich kommt es ja auch nicht an. Umso mehr freue ich persönlich mich über den Workshop zum Thema Prämienverwendung: Hier sprechen fast alle Englisch und so kann ich mitverfolgen, wie anhand vieler praktischer Beispiele und in Kleingruppen erarbeitet wird, wofür die Fairtrade-Prämie aufgewendet werden darf und wie die Entscheidungsfindung stattfinden sollte.

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Gruppenarbeit im Workshop zur Prämien-Verwendung.

Mehr Rechte für Beschäftigte
Da dieses Jahr der Fairtrade-Standard für lohnabhängig Beschäftigte überarbeitet worden ist, gibt es einige entscheidende Veränderungen zu vermitteln: Unter anderem wird den Arbeiterinnen und Arbeitern im neuen Standard die alleinige Entscheidungsbefugnis über die Fairtrade-Prämie erteilt und ihnen damit eine flexiblere Verwendung der Prämie ermöglicht. Entschieden wird im Fairtrade Prämien-Komitee, das mindestens einmal im Jahr eine Generalversammlung der Beschäftigten einberuft, um den Fairtrade-Prämienplan vorzustellen und darüber abzustimmen. Die ArbeiterInnen haben nun außerdem die Möglichkeit, bei Bedarf bis zu 20 Prozent der Fairtrade-Prämie als Geld- oder Sachbonus zu gleichen Teilen untereinander zu verteilen. Diese Informationen werden von den Anwesenden sehr interessiert aufgenommen.

Thank you, South Africa!
Leider können wir nicht die vollen vier Tage an der Spring School teilnehmen, denn im Büro gibt es ja gelegentlich auch noch Arbeit zu erledigen. Beispielsweise haben wir gerade eine Facebook-Seite für Fairtrade Africa eingerichtet, damit sich Interessierte mit Informationen aus erster Hand über die Arbeit des Produzentennetzwerkes auf dem Laufenden halten können. Für mich geht es in wenigen Tagen schon zurück nach Deutschland. Damit endet eine unglaublich spannende und lehrreiche Zeit, in der ich die Arbeit am Beginn der Fairtrade-Lieferkette kennenlernen durfte. Vielen Dank an alle, die dies möglich gemacht haben!