Inzwischen bin ich schon einige Zeit in Kapstadt. Nach dem Meeting in Swasiland habe ich mich in aller Frühe wieder in den Bus gesetzt, bin die vier Stunden nach Johannesburg zurückgefahren und dort in ein Flugzeug nach Kapstadt gestiegen. Nach zwei Stunden und 1300 Kilometern Flug konnte ich schon den Tafelberg von oben sehen! Am Flughafen holte mich netterweise meine Vermieterin ab. Ich hatte einige Mühe, meinen Koffer und mich selbst in ihren riesigen Geländewagen zu verfrachten, doch es gelang mir und so rollten wir gemeinsam mit vielen anderen riesigen Geländewagen durch den zähen Feierabendverkehr gen Stadtzentrum. “Cape Town is amazing because here you find both first world and third world in one city” ließ mich meine Vermieterin zuallererst wissen.

Inwiefern ich das amazing finde, fragte ich mich anschließend während wir etwa eine halbe Stunde lang an den Hütten des Township Khayelitsha vorbeifuhren, in denen fast 400 000 Menschen leben. Und ich frage es mich auch weiterhin, wenn ich morgens im schönen Vorort Observatory aus dem Haus gehe, vorher die Alarmanlage anstelle, dann zwei Stahltore hinter mir abschließe und anschließend draußen auf der Straße sehe, wie hinter dem Geländewagen ein Obdachloser in unserer Mülltonne nach Essen sucht.

Blick vom Tafelberg über Kapstadt und Tafelbucht.

Blick vom Tafelberg über Kapstadt und Tafelbucht.

Schönes Land mit schwerem Erbe
Zweifelsohne ist Kapstadt eine wunderschöne und spannende Stadt, die ich zurzeit neugierig erkunde. Zum Beispiel bin ich letztes Wochenende bei dreißig Grad und sengender Sonne den Tafelberg hochgewandert. Das war wahnsinnig anstrengend, doch der Blick über Stadt und Bucht war einmalig! Der anschließende Muskelkater leider auch. Nichtsdestotrotz erlebe ich in Kapstadt jeden Tag sehr anschaulich, dass Südafrika 20 Jahre nach Ende der Apartheid und trotz stetigen Wirtschaftswachstums große Schwierigkeiten hat, die soziale Ungleichheit im Land zu bekämpfen. Die Kluft zwischen Arm und Reich ist hier extrem: Die reichsten 20 Prozent der Bevölkerung haben einen Anteil von fast 70 Prozent am Gesamteinkommen, der Anteil der ärmsten 20 Prozent liegt bei knapp drei Prozent. Instabile soziale Strukturen und hohe Kriminalitätsraten stehen damit in direktem Zusammenhang.

Zwei Fairtrade-Organisationen arbeiten Hand in Hand
Für Fairtrade stellt der südafrikanische Kontext eine besondere Herausforderung dar, der sich gleich zwei Organisationen stellen: Das Büro in Kapstadt teilen sich die nationale Fairtrade-Organisation Fairtrade Label South Africa (FLSA) und das Southern Africa Network von Fairtrade Africa (FTA-SAN), das ich diesen Monat unterstütze. FLSA ist für den südafrikanischen Markt zuständig und erlebt seit seiner Gründung vor fünf Jahren eine Erfolgsgeschichte mit stetigem Wachstum. Auch im Jahr 2013 ist der Umsatz mit Fairtrade-Produkten in Südafrika wieder gestiegen, diesmal um 22 Prozent auf umgerechnet 20 Millionen Euro! Strategisches Ziel bleibt die Einführung weiterer Fairtrade-Produkte auf dem südafrikanischen Markt. Die Produzentenunterstützung und -repräsentation übernimmt das Southern Africa Network, nicht nur für die Republik Südafrika, sondern für die ganze Region. Über die strategischen Ziele von FTA-SAN habe ich ja im letzten Blogeintrag schon berichtet – nun darf ich miterleben, wie die Umsetzung in der Praxis aussieht!

Weinanbau nahe Rawsonville, Westkap.

Weinanbau nahe Rawsonville, Westkap.

Weltweit größter Produzent von Fairtrade-Wein
Das bedeutendste Fairtrade-Produkt aus Südafrika ist Wein. Im Jahr 2013 wurden weltweit 27 Millionen Flaschen Fairtrade-Wein verkauft, von denen zwei Drittel aus Südafrika stammten. Der Weinanbau findet vorwiegend in den Wine Lands der Provinz Westkap statt, deren Hauptstadt Kapstadt ist. Und in der Tat wächst hier im mediterranen Klima des Kapstädter Hinterlandes Wein soweit das Auge reicht. Momentan trägt er aber noch keine Trauben, denn die Erntezeit beginnt erst in etwa zwei Monaten. Es gibt im Westkap derzeit knapp 70 Fairtrade-zertifizierte Weinfarmen, die über 2500 Arbeiterinnen und Arbeiter beschäftigen. Bezieht man deren Familien und Gemeinden mit ein, profitieren in der Region schätzungsweise um die 12 000 Menschen von verbesserten Lebensbedingungen durch den Fairen Handel.

Fairtrade und Black Economic Empowerment
Um den Folgen der Apartheid Rechnung zu tragen, im Zuge derer die Möglichkeiten des Landbesitzes und der wirtschaftlichen Entwicklung für die schwarze Bevölkerungsmehrheit stark eingeschränkt waren, hat Fairtrade spezielle Richtlinien für das Empowerment südafrikanischer Fairtrade-WeinarbeiterInnen erlassen. Diese gelten im Einklang mit südafrikanischen Wirtschaftsförderungsgesetzen und zusätzlich zu den für jede zertifizierte Farm verbindlichen Fairtrade-Standards. Sie schreiben vorher benachteiligten ArbeiterInnen das Recht zu, Anteile von mindestens 25 Prozent des Farmlandes übernehmen und selbst verwalten zu können, um ihnen so einen Weg zu wirtschaftlicher Eigenständigkeit zu eröffnen!

Dies soll nur eine kurze Einführung zu Südafrika und Fairtrade sein, im nächsten Blogeintrag berichte ich dann aus dem Arbeitsalltag von FTA-SAN. Bis dahin!