Kürzlich besuchte uns in der TransFair-Geschäftsstelle Pravakar Meher, der die Produzentengruppe Pratima Organic Grower Group vertritt. Darin haben sich Kleinbauern zusammengeschlossen, die im ostindischen Bundesstaat Odisha biologische Baumwolle anbauen. Die Gruppe betreibt sogenannten Vertragsanbau was bedeutet, dass sie eine Kooperation mit dem Unternehmen Pratima Agro & Paper eingegangen sind. Dieses unterstützt die Produzenten in Anbau und Vermarktung der Baumwolle und arbeitet mit ihnen darauf hin, dass sie eine unabhängige Organisationsstruktur aufbauen und sich letztlich als selbstständige Kleinbauernorganisation Fairtrade-zertifizieren lassen.

Schrittweise zur Fairtrade-Kooperative
Als Marketing- und Vertriebsleiter ist Pravakar Meher an diesem Prozess beteiligt. Bei seinem Besuch in Köln berichtete er von den Fortschritten: „Die Fairtrade-Standards sehen ein schrittweises Vorgehen vor: In jedem Jahr müssen die Baumwollbauern ein weiteres Kriterium erfüllen, bis sie dann nach sechs Jahren vom Vertragsanbau zum eigenverantwortlichen Anbau in einer Kooperative wechseln. Pratima will dieses Ziel im Jahr 2016 erreichen.“

Prämienprojekte für eine starke Gemeinschaft
Seit 2010 ist die Produzentengruppe Fairtrade-zertifiziert und hat in dieser Zeit viel erreicht. Zu Beginn hatte sie etwa 500 Mitglieder, inzwischen haben sich ihr gut 3.000 Baumwollproduzenten angeschlossen. Die Bauern profitieren vom Fairtrade-Mindestpreis, der ihnen auch in Zeiten schwankender Marktpreise ein gesichertes Einkommen garantiert. „Auch der Marktzugang hat sich verbessert.“ berichtete Meher über die gemeinsame Vermarktung der Baumwolle. „Vor der Fairtrade-Zertifizierung hatten die Bauern hier oft große Probleme. Es gab eine staatliche Stelle für den Abverkauf von Baumwolle, die jedoch sehr weit weg und schwer zu erreichen war. Wenn sie einmal dort waren, mussten die Produzenten oft wochenlang warten bis sich ein Käufer für ihre Baumwolle fand. Viele konnten diese Reise gar nicht bewerkstelligen und verkauften die Rohware daher unter Wert bei jeder sich bietenden Gelegenheit.“
Beim Verkauf ihrer Baumwolle unter Fairtrade-Bedingungen erhalten die Bauern zusätzlich zum Mindestpreis die Fairtrade-Prämie, über deren Verwendung sie gemeinsam entscheiden. Hieraus haben sie schon viele Gemeinschaftsprojekte verwirklicht, wie beispielsweise die Verbesserung der Trinkwasserversorgung und den Bau eines Gemeinschaftszentrums. Zur Bildungsförderung hat die Gemeinschaft ein Stipendienprogramm ins Leben gerufen und verteilt Fahrräder, um insbesondere Mädchen – deren Bildung oft vernachlässigt wird – den Weg zur Schule zu erleichtern. Die Erwachsenen können an Computerkursen teilnehmen und erfahren in Schulungen, wie sie durch die Erzeugung anderer Agrarprodukte ihre Existenz auch außerhalb der Baumwollsaison sichern können.

Herausforderungen im Baumwollanbau
Neben diesen positiven Entwicklungen schilderte Meher auch Probleme, mit denen die Baumwoll-Produzenten konfrontiert sind. Dazu gehört die weite Verbreitung gentechnisch veränderter Baumwollsaat in Indien. Diese muss unter anderem jedes Jahr nachgekauft werden und ist für viele Baumwollbauern kaum finanzierbar. Odisha ist der einzige indische Bundesstaat, in dem Gen-Saatgut bislang verboten ist. Aber Meher glaubt nicht, dass das Verbot lange fortbestehen wird: „Noch bleibt uns allerdings etwas Zeit und die nutzen wir, um uns vorzubereiten! Dazu klären wir die Bauern über die negativen Auswirkungen genveränderten Saatguts auf und stellen die guten Eigenschaften nicht genveränderter Baumwollsaat heraus. Wir versuchen, ihnen ihre nähere Zukunft vor Augen zu führen und wie diese aussehen wird, sollten sie Gen-Saatgut verwenden.“ Unterstützung erhält die Pratima Organic Grower Group dabei von den umliegenden landwirtschaftlichen Universitäten. Ziel der Kooperation ist es, die Vielfalt des Saatguts zu erhalten. Dafür sollen 30 verschiedene Sorten Baumwollsaat aus der Region verfügbar gemacht werden. Aktuell befindet sich das Projekt noch in der Forschungsphase, bald sollen aber Ergebnisse vorliegen und die Verteilung des Saatguts beginnen.

Fairtrade wirkt – je mehr desto besser
Zum Ende gab Pravakar Meher zu bedenken, dass die positiven Effekte von Fairtrade nur spürbar werden, wenn die Bauern auch relevante Mengen ihrer Ernte zu Fairtrade-Bedingungen absetzen können. Bislang ist die Nachfrage nach Fairtrade-Baumwolle gering. Sollte sie nicht insgesamt steigen, sieht er schwarz für die Zukunft des Baumwollanbaus in Indien: „Nur zwei von zehn Kindern der indischen Baumwoll-Bauern sehen ihre Zukunft im Baumwoll-Anbau. Sie erfahren tagtäglich, dass der Beruf ihrer Eltern unter den herrschenden Bedingungen das Überleben der Familie kaum sichern kann. Es ist unabdingbar, durch den Kauf nachhaltiger Baumwolle zu besseren Bedingungen im Baumwoll-Anbau beizutragen. Anderenfalls wird es bald gar keine Baumwolle mehr geben.“

Hoffen auf bessere Absätze
In das neue Fairtrade-Baumwollprogramm setzen die Produzenten daher große Hoffnungen: „Auf Ebene des Baumwoll-Anbaus und der Entkörnung bleibt für uns Produzenten alles gleich.“ erläuterte Meher. „Für Textil-Hersteller gibt es dann aber mehrere Möglichkeiten, Fairtrade-Baumwolle zu beziehen. Wir hoffen daher, dass mehr Unternehmen einsteigen und wir unsere Baumwoll-Verkäufe dadurch steigern können!“

Ich bin dankbar, durch Mehers Besuch einen so anschaulichen Einblick in den Baumwollanbau bekommen zu haben und kann abschließend nur sagen: Wir hoffen mit ihm!