Unglaublich, was an einem einzigen Tag so alles passieren kann! Ich bin in San Salvador, und morgens um 8.00 startet die Vollversammlung des lateinamerikanischen Produzentennetzwerks CLAC. Diese „Asamblea General“ ist eine echte Übung in Basisdemokratie, die alle zwei Jahre die Weichen für den fairen Handel mitbestimmt. Es treffen sich über 200 Vertreter von Produzentenorganisationen aus ganz Lateinamerika.

Ich arbeite jetzt schon so lange mit Fairtrade (fast 10 Jahre) und die Entschlüsse dieser lateinamerikanischen Vollversammlung haben schon seit ich mich erinnern kann direkte Auswirkungen für die Arbeit des ganzen Fairtrade Systems gehabt, aber jetzt habe ich zum ersten Mal die Gelegenheit, mir diese Welt von innen anzuschauen.

Novum: Exklusives Treffen von Frauenvertreterinnen

Der Tag beginnt mit einem absoluten Novum: Die CLAC hat zum ersten Mal ein exklusives Treffen aller weiblichen Delegierten vor der allgemeinen Vollversammlung einberufen, die am folgenden Tag beginnt. Ziel ist es, die Stimme der Frauen im Netzwerk weiter zu stärken, denn noch allzu oft werden die spezifischen Bedarfe und Forderungen von Frauen nicht genug gehört, und in zu vielen Kooperativen bestimmen vor allem Männer über den Entwicklungsplan der Organisationen und die Art der Verwendung der Prämiengelder. Gründe dafür gibt es viele. Der wichtigste ist wohl, dass Fairtrade mitten in der Gesellschaft arbeitet, und dass diese Gesellschaft eben weiterhin von Männern beherrscht wird.

Genau das soll sich eben ändern. Aber wie kann das gehen? Ein erster Schritt hierzu ist vor einem Jahr durch die Einstellung einer Genderbeauftragten gemacht worden. Seit Rubidia Escobar diese Rolle übernommen hat, hat sich einiges.

Ein weiterer Schritt ist das heutige Frauentreffen. 34 Frauen haben sich eingefunden. Wir lernen uns kennen und erfahren durch ein Aufwärmspiel zunächst, wer aus welcher Region kommt, wer mit welchem Produkt arbeitet, und wer schon wie lange mit Fairtrade arbeitet. Die Spannbreite reicht von acht Monaten zu 32 Jahren und von Chile bis nach Mexiko– unglaublich! Einige der Teilnehmenden Frauen sind von ihren Kooperativen für bestimmte Aufgaben angestellt, so wie ich von Fairtrade Deutschland angestellt bin. Aber die allermeisten sind Kleinbäuerinnen, die aus Guatemala, Nicaragua, Peru, Ecuador oder Chile angereist sind und dort normalerweise ihre 0,5 bis 3 Hektar Land bearbeiten. „ Nebenher“ haben sie Aufgaben für die Allgemeinheit in ihren Kooperativen: Wie Sonia von COMSA, die Schulungen für die Mitglieder der Kaffeekooperative in Honduras durchführt.

Nach dem Kennenlernen kann es losgehen. 5 Frauen berichten nacheinander intensiv von ihren Erfahrungen und Fortschritten im Kampf um eine eigenständige Stimme und die Anerkennung ihrer Arbeit in ihren Organisationen.

Maribel, von Manos Campesinas ist Kaffeebäuerin an der Grenze von Guatemala mit Mexiko, weit oben in den Bergen. Sie ist alleinerziehende Mutter, ein Stigma, das in ihrem Kontext ein großes Handicap ist. Sie hatte die Möglichkeit, zwei Jahre zur Schule zu gehen, mehr nicht. Dennoch hat sie es geschafft, zur Stellvertreterin und 2013 zur Vorsitzenden Ihrer Basiskooperative gewählt zu werden. Sie ist eine der Multiplikatorinnen, die anderen Kleinbauern gute Praktiken im Ökoanbau vermitteln. Ihr Bericht und vor allem ihre Präsenz und Willensstärke machen mir eine Gänsehaut. Das wichtigste was ich als Frau daraus mitnehme ist „Gib nie auf“.

Und die wichtigste analytische Lehre die ich aus ihrem Werdegang und dem der anderen Frauen ziehe ist: „Bevor eine Frau um ihre wirtschaftlichen und sozialen Rechte kämpfen kann, braucht sie zunächst die feste Überzeugung, etwas wert zu sein und das Recht zu haben, sich für sich selber einzusetzen. Ohne dieses Fundament ist alle Projektarbeit sinnlos. Selbstwertgefühl und Vertrauen in uns selbst sind die Grundlage für alle anderen Schritte. Jede Genderstrategie in den Kooperativen muss hier ansetzen, bei der persönlichen Stärkung der Frauen“.

Las Liderezas – die Anführerinnen

Nach zwei weiteren Einzelberichten von sehr starken Frauen sprechen drei Frauen aus Zentralamerika. Sie bezeichnen sich selber als Liderezas – „Anführerinnen“ was mich zunächst von der Wortwahl her etwas irritiert. Aber dann wird mir schnell klar, warum sie sich so nennen.

Diese Frauen haben, ebenso wie 39 weitere, an einem Schulungs- und Empowerment Projekt teilgenommen, mit dem Titel „Leadership Workshop“. Die Schulungsreihe hatte nachhaltige Wirkungen auf sie alle. Sie waren so beseelt von der Erfahrung, sich selbst stärker und frei zu fühlen, dass sie entschieden haben, ihre Erfahrungen in einem Video festzuhalten und mit möglichst vielen Frauen zu teilen. Außerdem hat jede von Ihnen wieder 10-15 Frauen in ihrer eigenen Kooperative geschult, so dass derzeit 500 Frauen diesen Prozess mitgemacht und mitgelebt haben. Das Video vermittelt einen sehr guten Eindruck von der Methode, und vom Drive und der Energiegeladenheit dieser Frauen.

Nach den Erfahrungsberichten beraten die Frauen in vier Gruppen über nächste Schritte: Eine Genderstrategie der CLAC für den Zeitraum 2015-2017 soll verabschiedet werden. Es gibt Einigkeit: Nach dem Persönlichen muss das Institutionelle kommen. Die Frauenfragen brauchen einen festen Platz in den Kooperativen, und mehr Frauen sollen die Chance haben, sich frei und selbstbestimmt zu erleben. Aber wie? Können die Männer durch Vorschriften in den Fairtrade Standards gezwungen werden, z.B. über eine Frauenquote?

Oder sollen lieber Projekte für die „Männererziehung“ gestartet werden? Es gibt eine Mehrheit für verbindliche Regelungen unter den Frauen. Ich fürchte, die Männer die in den Vorständen ihrer Kooperativen die Mehrheit haben, sehen das anders und wollen keine verbindlichen Reglungen. Hier ist sicher noch lange nicht das letzte Wort gesprochen und auch die genauen Mechanismen und Inhalte müssen noch ausgehandelt werden.

Mein Fazit

Es ist ein toller Anfang gemacht. Frauen finden ihren eigenen Platz! Ich bin sehr, sehr froh, dass wir von TransFair die Chance hatten, diese Initiative aktiv durch die Übernahme der Reisekosten von 6 Delegierten zu unterstützen.