Die bunte faire Pracht wird immer wichtiger für Fairtrade. Auf dem Weg nach Kenia mache ich einen Stopp in Äthiopien, um auf der größten Blumenfarm der Welt, die seit neuestem Fairtrade zertifiziert ist, ein Fairtrade-Training zu begleiten. Vor Ort möchte ich sehen, ob Fairtrade in so großen Strukturen funktionieren kann.

Bei Abfahrt in Köln war nochmal so richtig Sommer – bei Ankunft morgens um 6.00 ein Kälteschock. Nur 10 Grad und das nach einer schlaflosen Nacht auf engem Mittelsitz. Der Flughafen liegt auf 2.400 m. Passend dazu überall die Neujahrsgrüße zum Jahr 2004. Äthiopien hat seinen eigenen Kalender und lebt sichtbar unter orthodoxem Einfluss. Ein stolzes Volk, das trotz italienischem Protektorat – als einziges afrikanisches Land – nie durchgehend kolonialisiert wurde. Außer kulinarisch: zahlreiche Pastagerichte hat die italienische Besatzung hinterlassen. Auch viel jüdische Kultur und überall ertönt Reggaemusik aus heimischer Produktion. Der Ausdruck „Rastafa“ (König der König) kommt nicht aus Jamaika, sondern eben auch aus Äthiopien. Rundum ein spannendes Land.

Durch das morgendliche Verkehrschaos geht es schnell raus aus der Millionenstadt Richtung Süden. Im Chaos herrscht große Gelassenheit und keine Huperei. Das kenne ich anders! Die rechte Spur ist die Eselspur. Eine endlose Karawane von Karren mit Menschen und Sachen, nur unterbrochen von Viehherden.

Nach 160 km ist der große Lake Ziway in Sicht. Hier liegt die größte Blumenfarm der Welt: Sher Ethiopia – 400 Hektar groß mit derzeit rund 8.000 Arbeiterinnen und Arbeitern sowie einer Produktion von zehn Millionen Rosen die Woche! Inhaber ist die Familie Barnhoorn aus Holland. Sie haben die Farm vor sieben Jahren aufgebaut und sind seit kurzem auch Fairtrade zertifiziert. Die Fairtrade-Rosen für Edeka und Netto kommen hierher. Sie sind der wichtigste Arbeitgeber weit und breit und gerade für Frauen ist die einzige Gelegenheit für ein eigenes Verdienst.

 

Die Fairtrade-Delegation besteht aus vier Personen. Unser Entwicklungsexperte Martin Schüller und zwei Mitarbeiter unserer internationalen Dachorganisation Fairtrade International Zachary Kiani und John Oenga begleiten mich. Die FLO-Berater sind spezialisiert in der Arbeit mit Plantagen und der Begleitung, Beratung und Stärkung der Arbeitervertretungen, den Joint Bodies.

Durch die Farm wird die Stadt Ziway immer größer und um die Farm herum entwickelt sich eine Infrakstruktur mit vielen kleinen Geschäften. Ein bisschen wie das Bayer für Leverkusen in Deutschland oder die Blumenregion um Naivasha in Kenia.

Gleich am Mittag machen wir einen ersten Rundgang durch die Farm Sher Ethiopia. Sehr prägnant sind die 15 riesigen Gewächshäuser, die jeweils 1,5 km lang sind. Um die Organisationsstruktur überschaubar zu halten hat jedes Gewächshaus sein eigenes Management und eine eigene Infrastruktur. Die Farm wurde 2007 aufgebaut und alle Funktionen werden von Ostafrikanern ausgeübt. So sind auch viele junge Menschen aus der Umgebung in verantwortungsvolle Funktionen aufgestiegen und darunter überdurchschnittlich viele Frauen. Die Fairtrade Managerin Ann Simenta verantwortet die Erfüllung aller Standards wie Global Gap. Ein unglaublicher Aufstieg für eine Massai-Frau aus dem Hochland von Kenia. Gewerkschaften sind präsent und eine Reihe von Arbeitern frei gestellt, die auf der Farm rum gehen und quasi Sprechstunden für alle Nöte und Sorgen abhalten. Der neue, für Fairtrade eingerichtete Joint Body hat 21 Mitglieder, die aus allen Produktionsbereichen kommen, inklusive der 3 Managementvertreter.

Neben ersten Gesprächen mit den Barnhoorn-Brüdern haben wir am ersten Tag auch erste Treffen mit Mitgliedern des Joint Bodies und eben auch mit Ann Simenta. Alles in Vorbereitung des ganztägigen Workshops mit allen Mitgliedern des Joint Bodies und des Managements. Der Workshop soll die Arbeitervertretung darin stärken, ihre Rechte als Joint Body zu klären, ihre Interessen zu definieren und sie gegenüber dem Management zu vertreten.

Aber dann doch leicht erschöpft ging es in das kleine Hotel nahe dem See. Das Ufer ist dicht umsäumt mit Papyrus und anderen Pflanzen. Die Wasserqualität ist gut, weil Sher keinerlei Abwässer in den See leitet. Diese werden alle in der Farm gefiltert. Das tut der Tierwelt (große wie Krokodile und Flusspferde und leider auch kleine wie Moskitos) gut. Erfolgreich gefischt wird auch. Zu dem Wassermanagement, einem sehr wichtigen Thema auf Fairtrade-zertifizierten Blumenfarmen in Ostafrika, in den kommenden Berichten mehr.