Kaffee wird in Brasilien meist ohne Schattenbäume angebaut.

Kaffee wird in Brasilien meist ohne Schattenbäume angebaut.

Minas Regais! Mina bedeutet sowohl Bergwerk als auch Wasserquelle im Portugiesischen. Beides ist bezeichnend für die Region Minas Gerais im Süden von Brasiliens nur wenige Autostunden von der Megacity und Industriestadt Sao Paulo entfernt. Uns lockte jedoch der Kaffee in die Region. Minas Gerais ist mit 52% die größte Kaffeeanbauregion in Brasilien und auch für den fairen Handel sehr relevant: hier wird insbesondere Arabica Kaffee angebaut, was Detlev Grimmelt und ich uns in einer 5-tägigen Reise durch die Region mal näher anschauen wollten. Wir besuchten die Produzentenorganisationen COOPFAM und COOCAMINAS (Poco Fundo), ASCARIVE/COCARIVE (Carmo de Minas), COOPERCAFEM und COOPASV (Santana da Vargem) sowie DOS COSTAS (Boa Esperanca).

Kaffee aus Brasilien – da denkt man sofort an das weltweit größte Kaffeeanbaugebiet und vor allem große Plantagen. Die haben wir auch gesehen, aber viel spannender war die Arbeit der Fairtrade Kleinbauernorganisationen vor Ort. Sich in so einem durch industrielle Landwirtschaft geprägten Land als Kleinbauern – Agricultura Familiar – zu behaupten, ist eine große Herausforderung. Aus diesem Grund sehen viele Jugendliche für sich eher Perspektiven in den großen Städten – sie verlassen die ländlichen Regionen und die Kaffeefarmen ihrer Eltern. Fairtrade bietet hier eine wahre Alternative. Auf die Frage, was Fairtrade für die Kleinbauern in dieser Region bedeutet, haben wir vielfältige Antworten erhalten, die uns alle nachhaltig beeindruckt haben:

  1. Fairtrade bringt soziale Entwicklung und Umweltschutz. Beispiele waren die Einrichtung von Schutzgebieten um natürliche Wasserquellen, das Pflanzen von Obstbäumen auf den Farmen sowie Finanzierung von Wasserproben für die Analyse der Trinkwasserqualität auf den Farmen.
  2. Fairtrade bringt junge Farmer zurück in den Kaffeeanbau und schafft eine Perspektive nicht nur durch die Ausbildung, sondern insbesondere auch durch die Anreize als Unternehmer nachhaltig handeln zu können. Dies geschieht durch faire Preise für den Kaffee, aber auch durch die vielen umweltbezogenen Maßnahmen, die der Fairtrade Standard vorschreibt.
  3. Fairtrade bringt finanzielle Möglichkeiten, die Produktivität und Qualität zu verbessern. Dies geschieht insbesondere durch die Anstellung von Agronomen, die Beratungen
    Q-Grader Gilmar Reis Cabral prüft die Kaffeequalität der Bauern.

    Q-Grader Gilmar Reis Cabral prüft die Qualität des angelieferten Kaffees.

    und Feldbesuche durchführen. Darüber hinaus werden Bodenproben von der Fairtrade Prämie finanziert und Qualitätskontrollen der von den Bauern angelieferten Kaffee Lots durchgeführt. Die Bauern erhalten genaue Informationen zu der von ihnen produzierten Kaffeequalität und Hinweise, wie Defekte oder Qualitätsprobleme reduziert werden können. Die professionellen Verkoster und Ausrüstung der Qualitätslabore werden ebenfalls mit Hilfe der Fairtrade Prämie finanziert.

  4. Fairtrade bringt Transparenz durch die direkte Vermarktung an internationale Käufer oder selbst durch die Verträge mit Exporteuren. Die Organisationen sind immer informiert, an welchen Endkäufer ihre Ware geht.
  5. Fairtrade bringt Wertschätzung für die Arbeit der Kleinbauern und Unterstützung insbesondere der Kinder und Frauen.

    Jeder in der Familie hat seine Aufgabe im Betrieb - man lebt vom und mit dem Kaffee.

    Jeder in der Familie hat seine Aufgabe im Betrieb – man lebt vom und mit dem Kaffee.

Wir trafen einen Kaffee Broker und Unterstützer von Fairtrade, der vielen Organisationen dazu verholfen hat sich Fairtrade zertifizieren zu lassen und sie in der Vermarktung unterstützt. Seine persönlichen Eindrücke, wie die Organisationen und die Kleinbauern sich durch diese Zertifizierung entwickelt haben:

„Die Produzenten sehen ein Licht am Ende des Tunnels und kehren auf ihre Kaffeefarmen zurück. Ihre Lebensbedingungen haben sich verbessert, sie kleiden sich besser, die Häuser sind besser und vor allem agieren sie mehr als Unternehmer. It`s a new way of life!

In den meisten Fairtrade Organisationen wurden mit den Fairtrade Prämien Agronomen eingestellt, die die Kleinbauern gezielt auf nachhaltige Anbaumethoden schulen und überprüfen, welche Maßnahmen auf jeder Farm getroffen werden können, um Produktivität und Qualität zu verbessern. Keine leichte Aufgabe: Aufgrund der teils relativ niedrigen Höhenlagen und Bodenzusammensetzung wird wenig biologisch angebaut, und viel chemischer Dünger und Pestizide verwendet. Zusätzlich haben die multinationalen Agrarkonzerne ein Interesse daran, ihre agrochemischen Produkte zu verkaufen. Am Anfang gab es eine regelrechte Kampagne gegen Fairtrade, da die Fairtrade Organisationen vom Einsatz bestimmter Mittel abraten.

Die Agronomen analysieren Bodenproben der Bauern. Nur dann können gezielte Empfehlungen zur optimalen Düngung erteilt werden.

Die Agronomen analysieren Bodenproben der Bauern. Nur dann können gezielte Empfehlungen zur optimalen Düngung erteilt werden.

Es ist viel Überzeugungsarbeit notwendig, die Bauern von ihrer Vorgehensweise abzubringen und von alternativen Anbaumethoden zu überzeugen. Aber die Belohnung schlägt sich nicht nur im Umweltschutz und gesünderen Lebensumfeld wieder, sondern auch in Ertragssteigerungen: Die Produktivität hat sich in einigen Regionen von 18-20 Sack pro ha auf 35 Sack innerhalb weniger Jahre verbessert.

Die größten Herausforderungen für die Bauern ist der Klimawandel, hohe Kosten für Erntehelfer und Arbeiter sowie der Zugang zum internationalen Markt.

Der Kaffee muss regelmäßig gewendet werden, damit er gleichmäßig trocknet und nicht fermentiert.

Der Kaffee muss regelmäßig gewendet werden, damit er gleichmäßig trocknet und nicht fermentiert.

Die letzte Ernte in Brasilien war durch eine ungewöhnlich langhaltende Trockenheit zu Beginn des Jahres 2014 beeinträchtigt. Dies führte dazu, dass zwar genügend Kaffeekirschen am Strauch waren, aber die Kaffeebohnen sich nicht richtig entwickelt haben und von daher relativ klein geblieben sind. Ein Problem für die Kunden, die ganze Bohne (Café Creme und Espresso) anbieten, da für dieses Produktsegment vornehmlich größere Bohnen gefragt sind. Hier kamen einige Kooperativen in Lieferschwierigkeiten. Aber es wurden auch positive Berichte vermeldet, dass z.B. aufgrund verbesserter landwirtschaftlicher Praktiken die Boden-und Pflanzengesundheit so gut war, dass die Trockenheit nur bedingt Einfluss auf Produktqualität hatte.

2015 wird eine gute Ernte

2015 wird eine gute Ernte

In diesem Jahr sind die Prognosen für die kommende Ernte gut. Es hat Anfang des Jahres genug geregnet, aber ausgerechnet in der Erntesaison wurden nicht erwünschte Regenfälle gemeldet. Dies kann verheerende Folgen für die Kaffeekirschen am Strauch haben bzw. für die Erntenachbereitung. Der Kaffee wird auf den sogenannten Patios vor dem Haus getrocknet. Hierfür muss es ausreichend trocken bleiben, ansonsten fermentieren die Kaffeekirschen. Leichte Regenfälle gab es in der Zeit als wir vor Ort waren schon, aber es konnte immerhin mit der Ernte fortgefahren werden.

Kleinbauern in Brasilien? Es gibt sie und sie haben ihre ganz spezifischen Eigenschaften und Herausforderungen. Interessant ist vor allem, wie sie teils auch die von der Agrarindustrie verwendeten Maschinen auf ihren kleinen Farmen anwenden, wie sie ihre Farm als gesamtheitliches Produktionssystem begreifen (inklusive Biodiversität innerhalb der Farmen) und wie sie mit ihrer Produktion einen wesentlichen Beitrag zur Gemeinde beitragen. Die Erlöse verbleiben innerhalb der sozialen Strukturen – der Community!

Der Kaffee wird nach der Ernte auf dem Patio nach Lots (Feldern) getrennt zum Trocknen ausgelegt.

Maria Aparecida vermischt ihren Kaffee nicht mehr auf dem Patio, sondern legt ihn separiert zum Trocknen aus. So kann sie verschiedene Qualitäten verkaufen.

Unter all diesen tollen Eindrücken hat mich am meisten die Geschichte von Maria Aparecida Sabino und ihrer Familie beindruckt. Sie und ihr Bruder wurden als Arbeiterkinder auf einer großen Kaffeeplantage geboren und haben so schon in frühen Jahren mit ausgeholfen und die Faszination am Kaffee entdeckt. Ihr Vater war für den Patio zuständig, wo die Kaffeekirschen getrocknet werden. Sie haben dann selbst viele Jahre auf Kaffeeplantagen gearbeitet und mit dem ersparten Geld vor ein paar Jahren ihre eigene kleine Farm gekauft.

Zusammen bewirtschaften Maria, ihr Mann José Sabino und ihr Bruder Joao Batista Silva eine Fläche von 5ha, alles aus eigener Arbeitskraft. Maria verwaltet hier nicht nur die Kaffeefelder, sondern hat auch Haus, Hof und Tierhaltung im Griff. Ihre Sorge ist, dass sie immer älter werden und sie hoffen, dass ihr Sohn dann zu gegebener Zeit den Betrieb übernehmen wird. Bis dahin bewirtschaften sie in größter Sorgfalt ihre Farm und haben vor Kurzem sogar noch etwas Land hinzukaufen können.

Der auf dem Patio zum trocknen ausgelegte Kaffee ist mit kleinen Zetteln beschriftet, um auch hier Ordnung zu halten und Lots bezüglich Qualitäten zu trennen.

Man erhofft sich von einem dieser Lots aus der aktuellen Ernte eine besonders gute Qualität. Der Erfolg wird sich zeigen, sobald der bei der Organisation angestellte Q-Grader Antonio Frad dieses Lot verkostet hat. Wir drücken die Daumen!