Ich sitze im Zug und frage mich was ich von dem heutigen Tag mitnehme. So eben ging eine Tagung zu einem sehr interessanten Rückverfolgungstool für Fairtrade-Produkte zu Ende. Es hinterlässt mich mit mehr Fragen als Antworten.

Geo Fair Trade (GFT) heißt das zum überwiegenden Teil aus EU-Geldern finanzierte Projekt, dass vor zwei Jahren mit großen Versprechungen gestartet war. Ziel des Projektes ist es die ökonomische, ökologische und soziale Entwicklung von Fairtrtade-Produzenten mittels eines webbasierten Tools für Konsumenten im Norden sichtbar zu machen. Gleichzeitg soll das Tool als nachhaltiges Managementtool für die Produzenten dienen. Entsprechend gespannt war ich auf diesen Tag. Erstmals sollte das Tool live im Einsatz gezeigt werden und mit den Teilnehmern durchgesprochen werden.

Auf dem Weg zum Tagungsgebäude begegne ich Michael. Michael kommt von den Philippinen und ist vor sechs Jahren fürs Studium nach Holland gezogen. Heute arbeitet er für die World Fair Trade Organization (WFTO) in Culemborg (Niederlande). Die WFTO ist von den zehn Partner des Konsortiums, der mit dem größten Mitspracherecht. Trotz dieser Tatsache weiß Michael nicht viel mehr als ich über das Tool. Ich bin das erste Mal irritiert.

Mit unseren Fragen im Kopf betreten wir das Forum der Universität von Wangeningen (Niederlande). Ebenfalls Partner von GFT und Gastgeber der heutigen Veranstaltung. Obwohl ich von Wangeningen noch nie zuvor gehört hatte, wurde mir schell klar warum sie an diesem Projekt partizipiert. Es ist eine modere Universität mit sehr innovativen Studiengänge. Felix aus Deutschland, der bei der Organisation der Tagung mithilft, studiert Internationale Entwicklungsstudien, seine Freundin Anna „Fair Trade Management“. Ich bin begeistert.

Das Audimax füllt sich. Vertreter der zehn Konsortien sind ebenso vertreten, wie Geowissenschaftler und Handelsvertreter von Fairtrade-Produkten, daneben viele internationale Studenten. Der Moderator eröffnet die Tagung und der Präsentationsmarathon nimmt seinen Lauf. Nach mehreren Einführungen zu Zielen, Strukturen und Verlauf des Projekts ist es endlich so weit: Erste Bilder des Webtools im Einsatz. Dominique Pallet von CIRAD scannt den QR-Code einer Kaffee-Packung und zeigt das Ergebnis über die Leinwand. Welche Informationen werden präsentiert? Ich scanne die Benutzeroberfläche: Produkfoto, allgemeine Informationen zu Produzenten-Organisation samt Geokooridinaten, Fairtrade Dynamik und Verkaufsstellen. Fairtrade Dynamic klingt interessant, das wäre neu für den Fairtrade-Code. Es folgt eine Kamerafahrt mit Google-Earth über ein Kaffeanbaugebiet. Vereinzelt erscheinen anklickbare Icons mit Hintergrundinformationen aus Wikipedia und Infotexte zu den Produzenten, die an dieser Stelle leben oder arbeiten. Sieht schön aus, aber ist das realistisch? Wer pflegt diese Informationen in das System ein? Was ist an technischem Know-How und Equipment auf Produzentenseite nötig? Ohne auf diese Fragen einzugehen ist nach fünf Minuten Schluss. Es geht in die Workshops.

Meine Hoffnung das Tool in Kleingruppen durchtesten zu können und Fragen zur Praktikabilität beantwortet zu bekommen, soll nicht erfüllt werden. Den Veranstaltern ist eher daran gelegen neuen Input für die weitere Planung zu bekommen. Sicherlich verständlich, aber nach zwei Jahren Arbeit durfte mehr konkretes erwartetet werden. Daher blieb die Runde insgesamt betrachtet enttäuschend. Ein bunter Haufen Fairtrade-Akteure und interessierte Studenten diskutierten über etwas, das Sie viel zu wenig kennen. Von Moderatorenseite wird immer wieder der Dialog zwischen Produzenten und Konsumenten als innovative Erneuerung genannt, aber außer vielen Allgemeinplätze, sollten unsere Fragen unbeantwortet bleiben. Fragen, wie die von Balz Strasser (Geschäftsführer von Pakka) über die Herangehensweise in Anbetracht der technischen Realitäten der Fairtrade-Produzenten. Ich komme nicht drumherum unser Projekt „Fairtrade-Code„, dass seit zwei Jahren erfolgreich in Deutschland, Österreich und der Schweiz läuft, vorzustellen und mit GFT zu vergleichen. Die Teilnehmer der Runde, insbesondere die Programmierer von GFT zeigen großes Interesse. Ich wundere mich wie Ihnen das in die letzten zwei Jahre entgangen sein konnte.

Das Tool will wohl zu viel und die Probleme werden meiner Meinung nach unterschätzt. Es bleibt abzuwarten was im letzten, geförderten Jahr des Projekts noch herauskommt. Meine große Hoffnung ist, dass sie dem von vielen geäußerten Wunsch berücksichtigen und das Tool so offen wie möglich konzipieren, so dass es möglich sein wird Informationen von bereits bestehenden System – wie dem Fairtrade-Code – zu nutzen und die zusätzliche Möglichkeiten, die GFT bieten soll, anderen  Systeme zur Verfügung zu stellen. Heute gab es erstmal nicht so viel erhellendes. Aber es ist ja auch noch ein Jahr Zeit. Am 12 Juni 2012 findet in Liverpool das nächste Treffen statt.  Bisdahin muss Geo Fair Trade fertiggestellt sein.