Pamela, Luis, Emer, Hebert, Nayla – das sind die Namen neuer Bekannter,  Kleinbauern und Kooperativen Manager aus Peru. Ich gehe ein Bündel Visitenkarten durch und bin auf dem Rückflug von Lima nach Köln. Die Organisationen meiner neuen Freunde heißen zum Beispiel Cepibo, APBOS, ANACAFE, oder ACOPAGRO und sie produzieren Bananen, Café, Kakao aber auch Spargel und andere Gemüse nach Fairtrade Kriterien irgendwo in Peru. Einige Organisationen sind schon von Anfang an, seit über 20 Jahren beim fairen Handel dabei, andere sind gerade erst Fairtrade zertifiziert worden.

Neue Bekannte

Ich habe sie bei der jährlichen Vollversammlung des peruanischen  Produzentennetzwerks, der Coordinadora Nacional de Comercio Justo de Peru kennengelernt. Dort war ich eingeladen zuzuhören und Basisdemokratie unter Produzenten aus der Nähe kennenzulernen. Ich habe viel erfahren. Wie das bei Vollversammlungen so ist, gab es einiges abzustimmen und zu beschließen.

Die „Asamblea“ ist das höchste Gremium aller Organisationen und wichtige Beschlüsse müssen gemeinsam gefasst werden. Das gilt für jede einzelne Kooperative im Fairtradesystem, aber eben auch für die Netzwerke der Kooperativen, und darauf wird großer Wert gelegt. Die Delegierten haben zum Teil 12-stündige Busreisen aus der Selva Madre und anderen Gebieten in Kauf genommen, um teilzunehmen.

Vollversammlung in Peru

Die „Politica“ regelt den Umgang mit Landarbeitern

Von allen Beschlüssen, die in diesem Jahr getroffen worden sind, möchte ich einen herausgreifen, der mir besonders wichtig ist. Die Hände aller Delegierten gingen in die Höhe als es darum ging, als erstes Netzwerk eine eigene „Politica“, eine Art Kursbuch zum Umgang mit den Landarbeitern zu beschließen. Landarbeiter? Moment, reden wir hier nicht von Kleinbauern, die mit ihren Familien allein ihre paar Hektar bewirtschaften?

Oft ist das so, aber zur Erntezeit werden bei den Kaffeebauern, die ihre Sträucher von Hand abernten, Pflücker gebraucht. Eine Saisonarbeit. Und bei Bananen, die das ganze Jahr über geerntet werden, werden sogar ständig Arbeiter gebraucht, die meist nicht von den einzelnen Bauern, sondern von den Kooperativen direkt angestellt werden, so arbeiten sie für alle und helfen mit, wöchentlich 2-10 Container mit Bananenkisten zu füllen.

Die Arbeiter dieser Kooperativen sind in einem anderen Umfeld unterwegs, als die Arbeiter auf Fairtrade zertifizierten Plantagen. Sie sind bei Kleinbauern angestellt.

„Wir haben selbst oft nur das nötigste zum Überleben und hoffen, durch die KooperativenSicherheit zu finden und unsere Kinder zur Schule und zur Universität zu schicken“

Luis Antonio von ABOS

Die Kleinbauern wollen und müssen  Rücklagen bilden, weil sie gegen Unwetterschäden, Absatzflauten und Ernteausfälle durch Trockenheit oder Plagen gewappnet sein müssen. Die Arbeiter wollen  und brauchen einen höheren Lohn und bessere Bedingungen, jeden Tag, unabhängig vom Absatz und den Wetterbedingungen. Das passt nicht immer gut zusammen und führt zu Konflikten.

Und dazu kommt noch, dass Personalmanagement, also Verträge, Arbeitszeitregelungen, Mechanismen für Abmahnungen und Sonderleistungen etc. nicht umsonst ein eigenes, spezialisiertes Berufsfeld ist. Wenn man dieses Instrumentarium nicht beherrscht, dafür keine Spezialisten hat, sondern einfach Lohnlisten führt und wöchentliche Zahlungen ausgibt, dann stellen sich recht schnell Konflikte ein.

Die Bauern und Fairtrade wollen mehr

Aus dieser Grundsituation heraus hat es ein Peru auch bei den Fairtrade zertifizierten Kooperativen in den vergangenen Jahren immer wieder Arbeitskonflikte gegeben, die mehr schlecht als recht einzeln gelöst worden sind.

Aber den Bauern reichte das nicht. Und Fairtrade auch nicht. Das Wohlergehen der Arbeiter, ihre angemessene Beteiligung an den benefits des fairen Handels sind fester Bestandteil der fairen Idee. Die Kooperativen in Peru haben zusammen mit Fairtrade International die Initiative ergriffen. Die Bananenproduzenten waren am stärksten von Konflikten betroffen. Sie waren schnell gewachsen, hatten aber kein entsprechendes Personalmanagement entwickelt. Die immer größere Zahl an Landarbeitern war meist weiter von einer einzelnen Bürokraft betreut worden, die sich um alles kümmern musste: Lohnlisten, Arbeitszeiten, Einsatzpläne, Beschwerden, Disziplinarmaßnahmen, Arbeitssicherheit  und noch viel mehr. Flor von CEPIBO ist soeine Managerin.

„Es war einfach viel zu viel – wenn Arbeiter Beschwerden hatten, gab es kein Prozedere, um damit umzugehen.  Viele waren unzufrieden und haben sich destruktiv Luft gemacht. Das hat wiederum die Bauern sehr geärgert. Ein Teufelskreis. “

Ein Lösungsansatz  wurde vor fast zwei Jahren aus der täglichen Arbeit der Fairtrade Berater vor Ort geboren. Sie hatten als erste bemerkt,  dass es sich bei den Konflikten in erster Linie um ein Managementproblem handelte, und nicht so sehr um einen erbitterten Arbeitskampf. Julia Malquin hat daraufhin im Auftrag von Fairtrade International ein eigenes Fortbildungskonzept für das Personalwesen der Bananenkooperativen entwickelt.

„Wir wollten insbesondere das Know-How der Organisationen im Hinblick auf das Personalmanagement mit einem Schwerpunkt auf den Rechten stärken. Wir wollten erreichen, dass sie zunächst anerkenen, dass es hier ein Problem gibt und dass Schwächen in diesem Bereich Auswirkungen auf ihre Beziehungen zu ihren Arbeitern und Arbeiterinnen haben, und dass die Lösungen hierfür sehr pragmatisch sein können.“

Julia Malquin

Seit 2014 hat Julia acht Fortbildungsworkshops (128h) mit 20 Kooperativen durchgeführt. Durchschnittlich haben 40 Personen an jedem Workshop teilgenommen. „Am Anfang wollten sich nur wenige Organisationen an dem kostenlosen Programm beteiligen, aber die Motivation ist gestiegen und jetzt bitten sogar Organisationen um Teilnahme, die zu Beginn gar nicht vorgesehen waren,“ erklärt Julia. „Die positiven Veränderungen werden offensichtlich und es zeigt sich für die Teilnehmer, wie groß der Einfluss des Personalmanagements auf die Zielerreichung der Organisation als Ganzes und  für das Arbeitsklima sind. Die erlernten Instrumente werden in den Organisationen angewandt und sie sind zufrieden mit den Ergebnissen. Jetzt kommen zu meinen Workshops nicht mehr zur die Verantwortlichen für das Personalwesen, sondern auch die Geschäftsführer der Organisationen. Wir sind zufrieden und wollen das Konzept auf Kaffeebauern in Peru und Tanzania ausweiten“.

Ungelöste Konflikte eskalierten- Ideenreichtum gefragt!

Das Programm zur Verbesserung im Personalmanagement ist also erfolgreich, und des soll fortgesetzt werden. Dennoch, ein Teil der Konflikte konnte nicht allein durch die Verbesserungen im Management gelöst werden.  Die Landarbeitergewerkschaft vor Ort, Sitag, fuhr oft eine aggressive Linie und ungelöste  Konflikte eskalierten manchmal in wenigen Tagen. Diese Mischung tat dem Miteinander zwischen Arbeitern und Bauern gar nicht gut – hier war Ideenreichtum gefragt.

In einem zweiten Schritt hat das Produzentennetzwerk vor Ort mit der Unterstützung von Fairtrade International daher als zusätzliches Instrument noch etwas entwickelt: Einen runden Tisch unter Beteiligung der lokalen Gewerkschaft Sitag,  der Lateinamerikanischen Landarbeiter Gewerkschaft COLSIBA und dem Produzentennetzwerk aus Peru. Hier gibt es ein Schiedsverfahren für Problemfälle, das seit der Einrichtung vor einem Jahr hervorragend funktioniert hat. Wilbert Flinterman, Berater für Arbieterrechte bei  Fairtrade International erinnert sich:

„Vor zwei Jahren hatte ich ständig neue Fälle von Beschwerden wegen Arbeitsrechtverletzungen auf dem Tisch. Von Bonn aus war es für mich völlig unmöglich, überhaupt nur den Kontext richtig zu bewerten, geschweige denn, eine Lösung zu servieren. Zum Glück konnten wir das passende Werkzeug anbieten und so eine Unterstützung geben, damit Kleinbauern und Arbeiter einen Rahmen entwickeln und ihre Konflikte lokal regeln können. Jetzt werden die Dinge vor Ort gelöst, von denen, die sich damit auskennen. So ist es richtig. Für alle Beteiligten war diese Erfahrung so positiv, dass das Netzwerk jetzt die neue Arbeiterpolitik verabschiedet hat, mit der das System institutionalisiert und verallgemeinert wird. Es  ist toll, mit so modernen Kleinbauern zusammen zu arbeiten!“

Und so fliege ich, mit dieser Erkenntnis im Herzen, zufrieden nach Köln zurück und hoffe, dass auch 2016 ein gutes Jahr für den fairen Handel wird.