Ein Gastbeitrag von Dr. Rossitza Krueger, Managerin für Textilien bei Fairtrade International

Modelabels, wir haben da ein paar Fragen. Seit nunmehr drei Jahren gibt es den Fairtrade-Textilstandard und das zugehörige Textilprogramm, damit die Beschäftigten dieser Branche bessere Löhne und Arbeitsbedingungen erhalten. Aber die großen Namen der Modebranche glänzen vor allem durch Zurückhaltung statt Teilnahme. Warum?

Ehrlich gesagt sind wir etwas enttäuscht. Erinnert Ihr Euch noch an die Einführung unseres Standards 2016? Das war ein Ereignis, das Ihr kaum hättet verpassen können, mit all den Gegenreaktionen in der einschlägigen Fachpresse. Ja, einige Stimmen waren mit unserem Ansatz nicht einverstanden, aber davon ließen wir uns nicht aufhalten. Wir haben jahrelange Arbeit in die Entwicklung des Standards gesteckt und ausführliche Rücksprache mit zahlreichen Mitgliedern unterschiedlicher Interessengruppen gehalten – vor allem auch mit den Beschäftigen selbst – das Ergebnis war der umfassendste Standard, den die Branche je gesehen hat. Und was geschah dann?

An dieser Stelle möchte ich den engagierten deutschen Labels gratulieren, die unermüdlich daran arbeiten, Teile ihrer Lieferketten auf die Zertifizierung nach dem Standard vorzubereiten. Alle Achtung, Brands Fashion, 3FREUNDE und MELAWEAR, die Welt braucht mehr Pioniere wie Euch! Außerdem engagieren sich im Rahmen des Fairtrade-Textilprogramms 28 Fabriken in Indien für Verbesserungen von Arbeitsschutz, Löhnen, in der Arbeitnehmervertretung, für soziale Sicherheit, Umweltschutz und Produktivität. Auch vor Euch ziehen wir unseren Hut! Ebenso schätzen wir all die Hersteller sehr, die einen Schritt in Richtung nachhaltiger Produktion gehen, indem sie Fairtrade-Baumwolle beziehen – für all ihre harte Arbeit verdienen Baumwollproduzent*innen wirklich eine gerechte Bezahlung.

Doch wir alle wissen, dass es in der Modeindustrie noch jede Menge zu verändern gibt, zum Beispiel:

  1. Auch den Arbeiter*innen, die die Kleidung für die ganze Welt herstellen, sollte es möglich sein, Kleidung, Lebensmittel und Unterkunft für sich und ihren Familien zahlen zu können, ebenso wie angemessene Gesundheitsfürsorge, Bildung und Transportmittel. Kurz gesagt sollten Textilarbeiter*innen, ebenso wie alle anderen Menschen, existenzsichernde Löhne erhalten.
    Solltet Ihr Euch jetzt fragen, wie hoch denn ein existenzsichernder Lohn ist – keine Sorge, wir haben das bereits ausgerechnet. Beziehungsweise war das vielmehr eine Gruppe von Wissenschaftler*innen im Auftrag der Global Living Wage Coalition. Auf deren Website sind schon die Angaben für Dhaka und Tirupur zu finden, während Werte für andere Gegenden derzeit noch kalkuliert werden.
    Der Fairtrade-Textilstandard besagt, dass Beschäftigte innerhalb von sechs Jahren nach Zertifizierungsbeginn existenzsichernde Löhne erhalten müssen. Einigen dauert das zu lange, für andere ist es nicht lange genug. Wir halten dies für ein realistisches Zeitfenster in Anbetracht der großen Kluft zwischen den aktuellen Löhnen und dem Niveau existenzsichernder Löhne. Und zugegeben, das wird nicht billig für Modemarken. Doch der von den Gesellschaft zu tragende Preis, wenn die Arbeiter*innen weiterhin in Armut gefangen bleiben, ist so viel höher.
  2. Die Beschäftigten verdienen mehr Sicherheit. Jedes Jahr findet die Fashion Revolution um den Jahrestag des Einsturzes von Rana Plaza statt, bei dem über 1.100 Textilarbeiter*innen in Bangladesh ums Leben kamen. Sie führt uns schmerzlich vor Augen, dass Textilarbeiter*innen in vielen Fabriken noch immer nicht sicher sind. Unser Standard gibt Kriterien für sichere Arbeitsplätze und Gebäude vor sowie für den Einsatz von Schutzausrüstungen und den Umgang mit Chemikalien.
  3. Arbeiter*innen sind Menschen und brauchen als solche Freizeit und Schlaf – sonst kann es schnell zu Unfällen am Arbeitsplatz kommen und sie können keine Zeit mit ihren Freunden und Familien verbringen. Exzessive Überstunden sind ein bekanntes Problem dieser Branche, es erfordert ein hohes Engagement, um daran etwas zu ändern. Hier bei Fairtrade wollen wir unseren Beitrag zu dieser Veränderung leisten, indem wir Modeunternehmen zeigen, wie sie sowohl profitabel als auch ethisch handeln können. Der Fairtrade-Textilstandard regelt Arbeitszeiten, Arbeitsverträge und kurzfristige Beschäftigungsverhältnisse. Wir sprechen außerdem Empfehlungen für eine faire Beschaffungspraxis aus – ja, sogar zu Produktionsspitzenzeiten, – und für langfristige Verträge.
  4. Arbeiter*innen müssen ihre Rechte einfordern können. Unser Standard macht den Weg frei, damit sie sich in Gewerkschaften zusammenschließen können und sieht Schulungen zum Thema Arbeiterrechte, demokratische Vertretungen in Betrieben, interne Kommunikation und Beschwerdeverfahren vor – was uns zum nächsten wichtigen Punkt führt:
  5. Nichts ist perfekt. Deshalb ist es umso wichtiger, sich auf verlässliche Mechanismen stützen zu können, wenn etwas schiefläuft. Unter dem Fairtrade-Textilstandard müssen Fabriken über Beschwerde- und Schlichtungsverfahren verfügen, die es lokalen NROs oder Gewerkschaften erlauben, die Beschäftigten zu unterstützen, damit ihnen jemand bei Bedarf zur Seite stehen kann.

Also, liebe Modemarken, wie sieht’s aus? Alles ist einsatzbereit für Euch. Nur Ihr fehlt. Um das nochmal klarzustellen: Hier geht es nicht um uns. Es geht um Textilabeiter*innen. Und um Eure Kund*innen, die wissen wollen, wer ihre Kleidung unter welchen Umständen angefertigt hat. Wir behaupten definitiv nicht, dass wir die Modeindustrie über Nacht verändern werden. Aber wir wollen es wenigstens versuchen. Gemeinsam. Mit Euch. Seid Ihr dabei?