Neulich entstand eine unglaubliche Geschichte in Berlin – ausgelöst von fünf Kindern im Alter zwischen zehn und elf, die sich bei Modehäusern in Berlin für einen Job vorgestellt haben, willens unterbezahlt Überstunden zu machen. Nicht verwunderlich, dass sie abgelehnt wurden mit der Begründung, dass sie viel zu jung für eine Anstellung seien  – das wäre „Kinderarbeit“.

Der Clip zu dem Experiment beleuchtet die Doppelmoral, die es Kindern in manchen Teilen der Welt erlaubt für wenig Geld sehr lang zu arbeiten, dazu unter brutalen Bedingungen – Bedingungen, die Händler und Konsumenten in ihren eigenen Ländern nicht akzeptieren würden.

Kinderarbeit weltweit

Von Kaffeeplantagen in Lateinamerika, über westafrikanische Kakao-Anbaugebiete und Textilfabriken in Bangladesch, bis hin zu den Gold-Minen in Südostasien – überall dort arbeiten Kinder, die gerade einmal fünf Jahre alt sind, gnadenlos lang unter zermürbenden Bedingungen. Die meisten Erwachsenen würden diese unerträglich finden. Nach Angaben der Internationalen Arbeitsorganisation (International Labor Organisation, ILO) gibt es noch immer 168 Millionen Kinderarbeiter. Davon verrichtet mehr als die Hälfte offiziell als „gefährliche Arbeit“ klassifizierte Arbeit.

Die ILO hat 2016 als das Jahr deklariert, indem der Fokus auf Kinderarbeit in Lieferketten, sowie und wichtiger noch die Möglichkeiten diese auszuschließen, gelegt wird. Die ILO stellt fest, dass „alle Lieferketten, von Landwirtschaft, über die Produktion in Fabriken und Dienstleistungen, bis hin zu Bauleistungen Gefahr laufen, dass Kinderarbeit involviert ist.“

Fairtrade fordert Schutzmaßnahmen

Fairtrade war die erste Siegel-Organisation, die Kinderschutzmaßnahmen gefordert, und diese auch systemweit implementiert hat und gegen die schlimmsten Formen von ausbeuterischer Kinderarbeit entschieden vorgeht. Seit 2009 nutzen wir einen Ansatz, der auf den international anerkannten Menschenrechten basiert,  um die Sicherheit von Mädchen und Jungen zu schützen, die dem Risiko unterliegen Kinderarbeiter zu werden oder bereits von Kinderarbeit betroffen sind. Jeder Verdacht und jedes  Warnzeichen löst eine strenge Beleuchtung und Bewertung aus, die Training und Beratung von Kinderrechts-Organisationen und Experten zur Folge hat. Wenn der Verdacht bestätigt wurde, wird ein Bericht an die zuständige Regierungsbehörde geschickt um den Fall zu verfolgen. Sollten wir Zweifel an deren Bereitschaft oder deren Möglichkeiten haben dem Fall nachzugehen, schalten wir  Kinderschutzorganisation (u.a. Unicef und Save the Children) ein.

Mädchen an Tafel

Steiniger Weg

Es war nicht leicht so weit zu kommen. Wir wurden für einen Mangel an Transparenz kritisiert und beschuldigt, Tatsachen zu vertuschen – weil wir nicht mit dem Zeigefinger auf die Fairtrade Produzentinnen und Produzenten zeigen („name and shame“), die gegen die Standards verstoßen, die Kinderarbeit betreffen. Aber unsere Erfahrung zeigt uns, dass es nicht wirksam ist beschuldigte Produzenten vorzuführen um das Problem zu lösen – wir arbeiten lieber mit den Produzentenorganisationen zusammen, damit sie verstehen warum es ein Fehler ist und dass es nicht nur ihren Kindern, sondern auch dem Geschäft, schadet.

Fairtrade stellt sicher, dass jeder, der die schlimmste Form von ausbeuterischer Kinderarbeit identifiziert, in der Pflicht steht die Kinder, entweder durch die vertrauliche Berichterstattung an Kinderschutzbehörden oder direkten Eingriff, zu schützen. Ja, klar, Politik und Training sind unverzichtbar. Aber noch wichtiger ist es, Verantwortung  und Verpflichtung für die Rechte der Kinder – bei jedem Fairtrade Mitarbeiter und jeder Organisation zu stärken und zu verinnerlichen.

Hilfe zur Selbsthilfe

Eine wichtige Lektion, die wir gelernt haben, ist, dass Kinderschutzmaßnahmen, die von oben aufgezwungen werden, nur begrenzte positive Auswirkungen haben. Es sind die Produzenten und Arbeiter selbst, die am besten verstehen warum es Kinderarbeit existiert und die die Gründe für Ausbeutung am besten benennen können.

Richtlinien und Verfahren sind viel effektiver, wenn sie gemeinschaftlich mit Kleinbauern, Arbeitern, Gemeinden und Familien selbst entwickelt und implementiert werden.

Es ist nicht perfekt – es gibt Einschränkungen bei diesem „Ground-up“-Ansatz – aber wir haben festgestellt, dass die Produzenten selbst die Initiative ergreifen müssen – erst dann kann ausbeuterische Kinderarbeit effektiv bekämpft werden.

Ich gebe Euch ein gutes Beispiel:

Vor ein paar Jahren wurden bei der Auditierung einer Fairtrade-Zuckerrohr-Kooperative in Belize Beweise dafür gefunden, die belegten, dass minderjährige Kinder während der Schulstunden arbeiteten.  Zusammen mit den Produzenten erarbeiteten wir ein System,  um Kinder, die bereits mit unzumutbarer Arbeit involviert waren zu identifizieren, von diesen Tätigkeiten auszuschließen und längerfristige Maßnahmen zu krieren, um die Gefahr, dass so etwas wieder geschieht zu minimieren. Aber – und das ist der eigentliche Punkt – es waren die Bauern selbst, die Workshops mit Fairtrade und UNICEF organisierten, die ein Aufklärungsprogramm und eine Regelung gegen Kinderarbeit eingeführt haben und als Pionier bei dem Youth Inclusive Community Based Monitoring and Remediation (YICBMR) Programm gegen Kinderarbeit agierten.

Kinder, Jugendliche und Erwachsene sind das Herzstück des Programms. Sie identifizieren potentielle/ oder tatsächliche Risiken für das Wohlergehen der Kinder und machen Vorschläge, wie man darauf reagieren kann/könnte. Fairtrade hat das YICBMR-System entwickelt, um das Wohlergehen und die Entwicklung der Kinder in und um Fairtrade-Organisationen voranzubringen. In den letzen drei Jahren haben wir Pilotprojekte in zwölf Ländern gestartet. Kinder und Erwachsene von Produzenten-Organisationen identifizieren die Orte, wo sich Kinder sicher und wo unsicher fühlen, und entwickeln Projekte um das Wohlsein und die Entwicklung der Kinder zu verbessern, was viel weitreichender ist, als nur auf Kinderarbeit zu reagieren.

Kinder und Jugendliche stehen im Mittelpunkt

Fairtrade legt den Schwerpunkt auf die Stärkung  von Produzentinnen und Produzenten und ihrer Gemeinden. Kinder und Jugendliche entscheiden, was für sie am besten als kontinuierliche Überwachung und Reaktion auf Kinderarbeit funktioniert. Unser Ansatz bewahrt zum Einen Kinder vor Schaden und zugleich ermöglicht er ihre Beteiligung und Entwicklung. Es ist nicht immer leicht, diese grundlegenden Richtlinien zu balancieren, weil Fairtrade-Standards es zulassen, dass Kinder in Familienbetrieben nach der Schule oder während der Ferien helfen dürfen. Die Arbeit muss dem Alter des Kindes und dem körperlichen Zustand angemessen sein. Lange Arbeitszeiten sowie gefährliche oder ausbeuterischen Bedingungen sind nicht zulässig und das Kind muss ein Elternteil oder Vormund haben, der das Kind überwacht und es anleitet.

An diesem Welttag gegen Kinderarbeit, fordert Fairtrade jene Unternehmen auf, die zertifizierte Rohstoffe beziehen über die Mindestanforderungen hinaus zu gehen. Es gibt viele engagierte Produzentinnen und Produzenten, die sich für den Schutz von Kindern einsetzen und eben diese Menschen verdienen besondere Unterstützung.

Unser kürzlich überarbeiteter Händler-Standard ermutigt Unternehmen ihre Rohstoffe lieber von Produzentenorganisationen zu beziehen, die am YICBMR System gegen Kinderarbeit teilnehmen.
Wir haben noch immer einen langen Weg vor uns bis wir sicher sein können, dass Fairtrade wirkliche Verbesserungen für das Wohlergehen und die Entwicklung von Jungen und Mädchen erzielt. Und wir können das nicht alleine. Die Kinder in Berlin haben es uns gezeigt: Wir als Konsumenten sind dafür verantwortlich nachzufragen, wo unser Essen oder unsere Kleidung herkommt und wer hinter der  Produktion steckt.

Dies ist eine Übersetzung. Der Original Artikel ist auf der Webseite der Huffington Post zu finden.

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