Vom 3. bis 8. Dezember 2016 waren wir – Dorothee Wirtz, Textilmanagerin von TransFair e. V. und Bettina von Reden, zuständig für internationale Projektpartnerschaften –  in Indien unterwegs, um uns mit eigenen Augen ein Bild von den Aktivitäten im Rahmen des Fairtrade-Textilstandards und -Textilprogramms zu machen. TransFairunterstützte von Beginn an die Entwicklung des Textilprogramms intensiv, da wir großen Bedarf sehen, die Arbeitsbedingungen dort für Beschäftigte in den Fabriken ebenso zu verbessern wie für die Baumwollkleinbäuerinnen und -bauern.
Begleitet von der Textil-Programmmanagerin von Fairtrade International, Dr. Rossitza Krüger, sowie verschiedenen Team-Mitgliedern des Produzentennetzwerks Fairtrade Asien & Pazifik (NAPP) sprachen wir mit unabhängigen ExpertInnen, besuchten Textilfabriken und Nichtregierungsorganisationen in Tiruppur (Bundesstaat Tamil Nadu) und Bangalore. Tiruppur ist eine der zentralen Textilregionen Indiens und vollkommen von der Textilindustrie abhängig – rund 5.000 Unternehmen sind dort angesiedelt, die spinnen, färben, wirken und  nähen, von Kleinstbetrieben mit einigen wenigen bis hin zu Unternehmen mit mehreren Tausend Angestellten.

Erste Schritte zur Zertifzierung

Mit Brands Fashion, 3 Freunde und Melawear haben sich in Deutschland bisher drei Unternehmen dazu bekannt, am Textilprogramm und -standard teilzunehmen – von zweien von ihnen konnten wir Zulieferer besuchen. Wir wurden dabei von einer Mitarbeiterin von Brands Fashion begleitet, die sich ebenfalls einen Einblick in die Arbeit des neuen Fairtrade-Textilprogramms verschaffen wollte. Gleich am ersten Tag in Tiruppur konnten wir gemeinsam bei dem ersten Teil eines sogenannten Pre-Assessments bei einem ihrer Zulieferer dabei sein und auch ein Orientierungstraining über den Fairtrade-Standard für die ArbeiterInnen miterleben.

Die Teilnahme eines Zulieferbetriebs am Textil-Standard und/oder Textil-Programm wird immer durch ein Pre-Assessment begonnen: Unabhängige Experten überprüfen den Betrieb hinsichtlich der Einhaltung von Arbeitsrechten, Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz, Umweltschutz etc. und erstellen eine Empfehlung, in welchen Bereichen Verbesserungen notwendig sind, um ggf. später die Fairtrade-Zertifizierung erreichen zu können. Darauf basierend erarbeitet NAPP gemeinsam mit den Betrieben einen Plan zur Umsetzung dieser Empfehlungen.

Kleingruppen-Gespräch mit Arbeiterinnen, die der Experte für das Pre-Assessment selber aus den Anwesenden der aktuellen Schicht ausgewählt hat.

Kleingruppen-Gespräch mit Arbeiterinnen, die der Experte für das Pre-Assessment selber aus den Anwesenden der aktuellen Schicht ausgewählt hat.

Vorbehalte abbauen und gemeinsam Lösungen finden

Es war sehr interessant zu sehen, wie sorgfältig der unabhängige Experte bei der Überprüfung des Betriebs vorging, wie ausführlich er der Betriebsleitung jede seiner Aktionen erläuterte und wie gut er die Arbeiterinnen und Arbeiter einbezog und auf sie einging. Klar ist: Es sind in den Fabriken noch viele Vorbehalte abzubauen. Wir müssen die Besitzer und Geschäftsführungen davon überzeugen, dass es bei der Beratung durch Fairtrade nicht um eine Prüfung geht, bei der sie anschließend vielleicht an den Pranger gestellt werden und Fehler aufgedeckt werden, sondern um ein echtes Unterstützungsangebot und darum gemeinsam Lösungen zu finden, von denen alle profitieren. Basierend auf den vertraulich bleibenden Ergebnissen der Pre-Assessments erhalten die Fabriken maßgeschneiderte Pläne für Schulungen und Beratung, in welchen Bereichen sie sich verbessern können und müssen, falls sie sich nach dem Fairtrade Textilstandard zertifizieren lassen wollen. Das Textilprogramm und die Pre-Assesments, die in dessen Rahmen durchgeführt werden, kann auch genutzt werden, wenn es schließlich nicht zu einer Zertifizierung kommt – die Verbesserungen für die Arbeiterinnen und Arbeiter stehen im Vordergrund. Sehr deutlich wurde hier und bei allen weiteren Besuchen: Für die Überzeugung der Fabriken vor Ort ist besonders die Unterstützung der Markenunternehmen gefragt, die bei diesen Zulieferern einkaufen. Hier bietet Fairtrade auch Beratung zum Thema Produktivität, die es den Fabriken erlauben effizienter zu arbeiten und so mögliche Lohnerhöhungen auszugleichen oder erst zu realisieren. Dies wird jedoch nicht ohne die Unterstützung der Markenunternehmen in den Verbraucherländern möglich sein.

Die Belegschaft von Anfang an einbeziehen

Am Anfang des Engagements einer Fabrik mit Fairtrade steht immer auch ein Orientierungstraining für die Arbeiterinnen und Arbeiter, um sie von Beginn an über den Prozess zu informieren und sie daran aktiv zu beteiligen. Das zweistündige Orientierungstraining, bei dem wir anwesend sein konnten, beinhaltete Informationen über Fairtrade allgemein und speziell den Textilstandard, sowie erste Diskussionen zu den Themen Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz. Es wurde von zwei Mitarbeiterinnen des NAPP durchgeführt und mit vielen Gruppenübungen aufgelockert. 20 Arbeiterinnen und Arbeiter aus der aktuellen Schicht nahmen daran teil und pausierten für diese Zeit mit ihrer Arbeit. Die Entscheidung darüber, wer an diesem ersten Training teilnehmen konnte, wurde gemeinsam mit dem Management getroffen, um die Produktion nicht unnötig zu stören.

 
NAPP hat viele Erfahrungen mit der Schulung von Arbeiterinnen und Arbeitern vor allem aus dem Plantagensektor (z.B. bei Fairtrade-Teeplantagen) und hat sich über die letzten Jahre zusätzlich dazu ein gutes Textilteam aufgebaut. Bei dem Orientierungstraining waren wir erstaunt, wie lebhaft sich die Arbeiter und Arbeiterinnen beteiligten und wie viel sie zu sagen hatten. Die Schulung kam ganz offensichtlich gut bei ihnen an und auch die Beteiligten aus dem Management schienen zufrieden damit, wie alles organisiert war.

Wir konnten uns auch die über die letzten Monate von NAPP entwickelten Materialien für verschiedene Trainingsmodule ansehen, die auf die Bedürfnisse der Arbeiterinnen und Arbeiter in der Textilindustrie abgestimmt wurden, z.B. zu den Themen Sicherheit und Gesundheit am Arbeitsplatz, Arbeitsrechte, sexuelle Belästigung etc. und hatten den Eindruck, dass die eingesetzten Materialien gut angenommen wurden.

Für den Nachmittag hatte NAPP ein Treffen mit verschiedenen Betrieben  und dem lokalen Handelsverband arrangiert, bei dem der Textilstandard vorgestellt wurde und viele Fragen beantwortet werden konnten. So sollten die lokalen Unternehmen über die Arbeit von Fairtrade informiert werden. Das Interesse ist da, aber solange es noch keine zertifizierten Betriebe und damit wenig praktische Anwendungsbeispiele gibt, tun sich viele noch schwer damit, hier selbständig aktiv zu werden. Umso wichtiger sind die drei deutschen Partnerunternehmen und ihre Zulieferer, die in diesem Bereich vorangehen und zeigen, wie das Textilprogramm und der Textilstandard in der Praxis umgesetzt werden!

Politischen Rahmenbedingungen werden zur Hürde

Eine Erfahrung, mit der wir auf dieser Reise nicht gerechnet hatten, war das unmittelbare Erleben dessen, wie die lokale und regionale Politik die Umsetzung von Plänen erheblich erschweren oder stören können. Das eine war die Währungsreform („Demonetization“) in Indien, mit der von einem Tag auf den anderen im November 2016 alle 500 und 1.000 Rupien-Scheine aus dem Verkehr gezogen wurden. Das erklärte Ziel: die Inflation und den Schwarzgeldverkehr zu bekämpfen. Unabhängig davon, ob dieses Ziel erreicht wurde, konnten wir die unmittelbaren Auswirkungen auch Wochen später noch überall sehen: Lange Schlangen vor Bankautomaten, geschlossene Bankfilialen, Läden ohne Wechselgeld, Menschen, die uns erzählten, dass sie nicht einkaufen konnten, weil sie ihre sonst in bar ausgezahlten Löhne nicht erhalten hatten und kein Bankkonto besaßen. Ein großer Teil der Arbeiterinnen und Arbeiter auch in der Textilindustrie wurde bis dahin in bar ausgezahlt. Den Fabriken, die wir besuchten, war es nur mit Mühe gelungen, nun Bankkonten für ihre Mitarbeitenden einzurichten, denn die Banken waren mit dem plötzlichen Ansturm völlig überfordert und auch für die Fabriken bedeutete es einen erheblichen Zeitaufwand. NAPP-Kolleginnen berichteten aus abgelegenen Regionen, dass die Menschen wochenlang gar nicht an Geld herankamen. Wir hatten noch Glück: Zwar war auch für Touristen die Möglichkeit stark eingeschränkt, Geld zu erhalten: Wir hatten nur Anrecht auf 5.000 Rupien Bargeld pro Woche (etwa 70 EUR), konnten aber fast überall mit Kreditkarte bezahlen. Allerdings haben wir daraufhin deutlich weniger kleine Läden oder Restaurants nutzen können – schade für uns und für sie! Wir sind gespannt, ob zukünftige Auswertungen dieser Hauruck-Aktion einen wirklichen Nutzen für das Land zeigen werden zum Beispiel dadurch, dass nun vielmehr Menschen Bankkonten haben als vorher, oder ob nicht doch eher nur diejenigen darunter gelitten haben, die ohnehin wenig besitzen und wenige Ausweichmöglichkeiten hatten. Proteste gab es jedenfalls kaum, die meisten Menschen schienen der Regierung in dieser Maßnahme zu vertrauen und fügten sich in die Notwendigkeit.

Tod der Ministerpräsidentin – Tamil Nadu steht still

Die zweite Unwägbarkeit trat am dritten Tag unserer Reise ein: Die vom Volk sehr verehrte Ministerpräsidentin von Tamil Nadu, Jayalalithaa Jayaram, starb nach mehrmonatiger Krankheit mit nur 68 Jahren. Bereits bei ihrer ersten Einlieferung ins Krankenhaus hatten sich einige Anhänger selbst getötet und nun befürchtete die Regierung Unruhen – zwei Tage lang wurde der gesamte Bundesstaat quasi stillgelegt. Alle Behörden, Schulen, Universitäten, Läden, Unternehmen wurden für die Trauer geschlossen, Arbeiterinnen und Arbeiter nach Hause geschickt und überall war Polizei stationiert, um den Frieden zu wahren. Und tatsächlich konnten wir sehen, dass dieser Tod die Menschen unheimlich aufgewühlt und mitgenommen hat – alle Zeitungen waren voller Artikel, überall fanden Trauerbekundungen statt und riesige Versammlungen in der Bundesstaatshauptstadt Chennai wurden im Fernsehen übertragen. Unsere Planung für die nächsten Tage war damit hinfällig… Einen Tag konnten wir damit verbringen, uns im Hotel mit den Kolleginnen von NAPP, von Fairtrade International, und mit dem Experten für Arbeitsrecht, Sicherheit und Gesundheit am Arbeitsplatz Shivaprasad Shetty auszutauschen. Einen Tag später konnten wir uns doch noch zwei weitere Fabriken ansehen, darunter das wunderbare Kleinunternehmen Mila Fair Trade Clothing, ein Joint Venture von 3 Freunde. Jedoch waren in beiden kaum Arbeiterinnen und Arbeiter anwesend und sie sagten uns, dass sie sich auch nicht trauen würden, die Arbeit wieder aufzunehmen aus Angst vor Angriffen der Anhänger der Ministerpräsidentin, die dies als mangelnden Respekt auffassen würden. Ein Treffen mit der NGO SAVE, die sich in Tirupur um die Rechte insbesondere von Arbeiterinnen kümmert, wurde stark verkürzt aus Sorge, dass auch der öffentliche Transport eingestellt werden würde, und andere geplante Treffen wurden komplett abgesagt. Schließlich flogen wir einen Tag früher nach Bangalore zurück, um dort die Zeit sinnvoll zu nutzen.

In stärkerem Maße als wir dies in Deutschland gewöhnt sind, müssen unsere indischen Partner mit solchen Unwägbarkeiten rechnen – für uns eine Erinnerung an die Lebens- und Arbeitsrealität vor Ort.

Zum Glück gelang es uns, als Ersatz zusätzliche Termine in Textilbetrieben in Bangalore zu bekommen. Insgesamt konnten wir viel Einblick in die Textilbranche und ihre Schwierigkeiten gewinnen. Die billigere Konkurrenz aus Bangladesh macht allen zu schaffen. Umso mehr versuchen die indischen Betriebe sich durch Qualität, Flexibilität mit kleineren Mengen und Kollektionen und durch bessere Sozial- und Umweltstandards abzusetzen. Den Fairtrade-Standard und das Textilprogramm begrüßten alle einhellig: Der Standard fordere nichts, was nicht „eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein sollte“ und gehe klar über bestehende Programme und Zertifizierungen hinaus. Gleichzeitig verdeutlichten aber auch alle, dass sie sich ohne langfristigere Kaufbeziehungen, klare Unterstützung seitens der Käufer und auch entsprechende Preisaufschläge für höhere Löhne die Einhaltung des Standards und die Zertifizierung nicht würden leisten können. Hier gibt es noch viel Arbeit zu leisten.

Textilstandard in Reichweite

Insgesamt hatten wir einen positiven Eindruck von den besuchten Unternehmen. Alle von ihnen arbeiten bereits seit langem mit Fairtrade-Baumwolle und erfüllen daher bereits verschiedene Sozial- und Umweltstandards. Eine Zertifizierung nach dem Fairtrade-Textilstandard beinhaltet zwar zusätzliche Anforderungen, schien uns für die besuchten Firmen aber durchaus in Reichweite. Im Vergleich dazu, was wir aus den riesigen Fabriken in Bangladesh oder auch aus Betrieben in China kennen, waren diese kleinen und mittleren Unternehmen im Sozial- und Umweltbereich deutlich besser aufgestellt und auch das politische Umfeld ist in Indien förderlicher als beispielsweise in Bangladesh. Indien kann daher hoffentlich in naher Zukunft ein Beispiel dafür liefern, wie Textilindustrie auch funktionieren kann – ohne massenhafte Ausbeutung, Gefährdung der Arbeiterinnen und Arbeiter und massive Umweltverschmutzung.

Die Zeit in Bangalore nutzten wir schließlich auch noch für einen sehr interessanten Austausch mit dem Leiter der „Fairtrade Marketing Organisation Indien“, Abishek Jani, der seit einigen Jahren daran arbeitet, Fairtrade-zertifizierte Produkte in den indischen Markt zu bringen und die wachsende indische Mittelschicht für fairen Handel zu begeistern. Tatsächlich konnten er und seine wenigen Mitarbeiter gerade zum Zeitpunkt unseres Besuchs einen schönen Erfolg verbuchen: Eine bekannte Snack-Firma hat einen Fairtrade-zertifizierten Erdnussriegel herausgebracht, der nunmehr in über 50.000 Geschäften indienweit zu kaufen ist. Eine Schwierigkeit, mit der die Organisation kämpft, ist der immer noch sehr stark von kleinen und kleinsten unabhängigen Läden geprägte Lebensmittelmarkt. Neue Produkte in Kooperation mit Handelsketten zu verbreiten, erreicht daher bisher nur einen kleinen Teil der Bevölkerung. Die unabhängigen Händler mit Informationen zu erreichen und zu überzeugen gestaltet sich aufwändig und teuer. Immerhin konnten wir bei einem Storecheck einige Fairtrade-Produkte in einem Bio-Laden finden – wie auch hier interessiert sich diese Käufergruppe am ehesten für Nachhaltigkeit.

 Mit diesen guten Neuigkeiten und um viele Erfahrungen reicher kehrte Dorothee nach Deutschland zurück. Bettina begleitete noch drei Tage einen Workshop des NAPPs zu Projekten und Programmen rund um Frauenrechte, Kindesschutz, Klimawandel, Kleinbauernstärkung und Arbeiterrechte – dazu beizeiten in einem eigenen Eintrag mehr…

*Die Teilnahme eines Zulieferbetriebs am Textilstandard und/oder Textilprogramm wird immer durch ein Pre-Assessment begonnen: Unabhängige Experten überprüfen den Betrieb hinsichtlich der Einhaltung von Arbeitsrechten, Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz, Umweltschutz etc. und erstellen eine Empfehlung, in welchen Bereichen Verbesserungen notwendig sind, um die Fairtrade-Zertifizierung erreichen zu können. Darauf basierend erarbeitet NAPP gemeinsam mit den Betrieben einen Plan zur Umsetzung dieser Empfehlungen.