Es ist Mittwoch nachmittag. Malin Olofsson und ich packen unser Gepäck in den Kofferraum ihres silbernen VW Polo. Es folgen Papier für das Flip-Chart und ein Stapel Flyer “Fairtrade and You” auf Afrikaans und Xhosa. Dann machen wir uns auf den Weg gen Norden. Raus aus der “Mother City” Kapstadt.

Malin ist Liaison Officer und in dieser Position für Südafrika, Lesotho und Swaziland zuständig. Sie ist “Independent Consultant und seit gut zwei Jahren für FLO unterwegs. Die Landschaft ist ziemlich trocken, alles ist gelb. Eigentlich regnet es im Winter viel, erzählt Malin, aber dieses Jahr war es zu wenig – die Wassertanks, Flüsse und Reservoirs sind nicht voll, wie es zu dieser Jahreszeit eigentlich sein sollte. Zum Gelb der Landschaft trägt auch der Weizen bei, der hier auf riesigen Flächen angebaut wird. Und riesig heißt hier wirklich RIESIG. Sobald wir Kapstadt hinter uns gelassen haben, öffnen sich schier endlose Weiten.

In der Ferne ist eine Bergkette zu erkennen. Da geht’s hin. Ins 180 km entfernte Citrusdal. Das Zitrustal. Hier werden auf großer Fläche – ach, Überraschung – Zitrusfrüchte angebaut, zu keinem unbedeutenden Teil auf Fairtrade-zertifizierten Plantagen. Unser Ziel ist eine davon: die Plantage Mouton Citrus. Malin erzählt, dass sie diese Plantage bisher noch nicht besucht hat. Aber seit Februar gibt es eine neue Stelle bei Mouton Citrus, nämlich die des “CSR Managers”, die auch die Aufgaben des Fairtrade-Officers auf der Plantage übernimmt. Die neue Managerin Madelé Mouton hat Malin angefragt, ob sie nicht vorbei kommen möchte und einerseits beim Treffen des Joint Body als auch beim anschließenden Treffen des Workers Committee dabei zu sein.

Entscheidungen für die Gemeinschaft: Joint Body Meeting

Nach einer Nacht in einem netten B&B außerhalb Citrusdals und lecker Müsli und Cappuccino zum Wachwerden starten wir die letzten Kilometer zu Mouton Citrus. Wir werden bereits erwartet. Das Joint Body Meeting verläuft geordnet und dauert nicht lange.

David Janse

David Janse ist Vorsitzender des Joint Body bei Mouton Citrus

Die aktuellen Zahlen werden besprochen. David Janse ist Vorsitzender des Joint Body und Arbeiter auf einer der Farmen von Mouton Citrus. Später erfahren wir, wie sehr sich David durch Fairtrade verändert hat. Madelé berichtet, dass sie David als eher stillen und schüchternen Mann kennen gelernt hat. Durch die wichtige Rolle, die er im Joint Body einnimmt, sei er regelrecht aufgeblüht. Sie hat recht, von Schüchternheit ist nichts zu merken. Ruhig und sicher führt er durch das Treffen, berichtet von Zahlen und den Plänen, ein neues Sportgelände zu bauen. Noch sind nicht alle mit dem Standort einverstanden. Zu viel Sonne zur falschen Zeit…Darüber muss nochmal gesprochen werden.

2.500.000 Südafrikanische Rand, mehr als 227.000 Euro, an Fairtrade-Prämiengeld erwirtschafteten die Mitarbeiter von Mouton Citrus seit 2007 und investierten das Geld in Computer-Workshops, Schulgeld und Stipendien sowie in ein Bildungs- und Versammlungszentrum.

Fairtrade ganz von vorn.

Nach dem Joint Body Meeting geht es direkt weiter. Die Mitglieder des Workers Committee warten schon vor dem kleinen Sitzungssaal. 15 Männer und Frauen, fast alle in blauer Arbeitskluft, betreten den kargen Sitzungssaal. Meine zweite Stunde auf Afrikaans. Wenn Malin spricht, verstehe ich richtig viel, einerseits, weil ich weiss, worum es thematisch geht, andererseits, weil sie selbst keine Muttersprachlerin ist. Von sich selbst sagt sie, sie rede Afrikaans wie ein Kleinkind…mein Glück! Die nächsten Stunden werden anstrengend aber größtenteils sehr gut verständlich.

Das Workers Committee

Das Workers Committee

Zwölf Farmen sind Mouton Citrus angeschlossen. Jede Farm hat einen Verantwortlichen und Stellvertreter für das Kommittee gewählt. Als Malin aber fragt, wer bereits an einem Kommittee-Treffen teilgenommen hat, meldet sich nur einer, Paulus Swyers, ganz vorne links. Als ich Malin später frage, wie das sein kann, sagt sie, dass es keine feste Regelung gibt, für wie lange jemand im Workers Committee ist. Wenn die Arbeiter unzufrieden mit ihren Repräsentanten sind, schicken sie eben jemand anderen…. heute also Fairtrade ganz von vorn.

Bei Fairtrade geht es um die Menschen

“Was bedeutet Fairtrade für euch”, fragt Malin. Schweigen. Malin schaut in die Runde. “Den Handel besser machen”, sagt Sophia Fortuin, die Protokollantin des Workers Committee. “Richtig”, sagt Malin, “denn nur ein kleiner Teil des Geldes bleibt bei den Bauern und Arbeitern. Stattdessen bekommen die Händler in den Konsumentenländern den grössten Teil des Klumpens an Geld.” Sie wählt einfache Worte. Erzählt viel mit ihren Händen.

Malin Olofsson ist Liaison Officer in Suedafrika

Malin Olofsson ist Liaison Officer in Suedafrika

Dann die Standards. “Was steht in den Fairtrade Standards?” Schweigen. “Qualität”, sagt jemand. Malin greift die Anwort auf und beginnt zu erklären: “Das stimmt, aber bei Fairtrade dreht es sich besonders um die Qualität der Arbeitsbedingungen. Es geht um die Qualität für die Menschen”. Wieder Schweigen. Aus der hinteren Ecke kommt Gekicher…sag schon…”Respekt”, sagt Patrick Faro, ein aufgeweckter junger Mann mit beiger Schildmütze. Und Malin ergänzt, dass Fairtrade Diskriminierung verbietet. Aber was ist Diskriminierung? …Noch ist die Gruppe nicht aufgetaut, wieder dauert es eine Weile bis die Vorsitzende des Kommittees, Annamarie Booise, eine stille Frau mit hübschem verschmitzten Lächeln, sagt: “Apartheit”…”Richtig”, sagt Malin, “die Zeit der Apartheit war eine unfassbar große Diskriminierung.” Und erklärt von hier andere Bereiche, in denen Diskriminierung vorkommt.

Fairtrade & You

Patrick und Shaun

Patrick Faro and Shaun Fortuin mit dem Fairtrade & You Plakat

Die Runde taut auf, als Malin die “Fairtrade & You”-Flyer austeilt. Schnell entstehen Gespräche. Mit einfachen Bildern wird erklärt, wie Fairtrade funktioniert. Von hier erläutert Malin, was das mit dem Workers Committee zu tun hat. “Ihr seid diejenigen, die aufpassen, dass die Rechte der Arbeiter gewahrt werden. Ihr seid die Ansprechpartner, wenn jemand Probleme hat”, sagt Malin und macht deutlich, wie wichtig es ist, Verantwortung zu übernehmen. Mit der neuen CSR-Managerin Madelé hat die Plantage eine engagierte junge Frau gewonnen, dennoch – und das ist Malin wichtig, den Stellvertretern klar zu machen – liegt es nicht in erster Linie in Madelés Verantwortung, sich für die Interessen und Belange der Arbeiter einzusetzen. Das Workers Committee kann auf den Joint Body zugehen und Projekte vorschlagen. Dafür ist es wichtig, darüber zu sprechen, was die Arbeiterinnen und Arbeiter benötigen.

Nach einer Mittagspause erklärt Malin die konkreten Aufgaben des Workers Committee. Dazu geht sie die Compliance Criteria von FLO-Cert auf Englisch durch. Das ist etwas zäh…aber es muss wohl sein…Für das Kommittee steht jetzt konkret an, einen Jahresplan zu erstellen, in dem beispielsweise die monatlichen Treffen des Kommittees festgehalten werden sowie die Treffen von Workers Committee und Management.

Das Gemeinschaftshaus

Der Nachmittag neigt sich dem Ende zu. Bevor Malin und ich aber zurück nach Kapstadt düsen, zeigt uns Madelé noch ein Prämienprojekt. Mit dem Pickup fahren wir über holprige Straßen, bis wir beim neu gebauten Gemeinschaftshaus ankommen. Noch ist nicht alles fertig. Trotzdem wird der große Versammlungssaal schon genutzt.

Gemeinschaftshaus

Das Gemeinschaftshaus wurde mit Hilfe der Fairtrade-Prämie gebaut

Als wir ankommen, findet gerade ein Workshop statt. Die Küchenmöbel sind schon da und im Garten hinter dem Haus jätet jemand Unkraut. Ein zweiter Saal hätte eigentlich als Medienraum dienen sollen. Aber gerade werden Krippenplätze dringender benötigt, also wird umdisponiert und bald werden hier Kinder der Arbeiter einen Platz zum Spielen haben. Das eine Gemeinschaftshaus soll nur der Anfang sein. Insgesamt fünf Stück sollen gebaut werden, denn die einzelnen Farmen liegen weit verstreut im Zitrustal. Madelé ist optimistisch, dass das klappt. Es mag vielleicht ein bisschen dauern – aber es wird klappen.