Jetzt ist er raus. Offiziell, international, systemweit. Der Fairtrade-Klimastandard. Und wo hätte er passender starten können, als im Rahmen der berühmten Weltklimakonferenz „Conference of the Parties“ – besser bekannt als „COP“, wo sich derzeit die Weltpolitik zum 21. Mal die Köpfe heiß diskutiert, wie es zu schaffen ist, dass der Karren (die Welt) nicht doch gegen die Wand (Klimakatstrophe) gefahren wird.

Die U-Bahn Station Gare du Nord ist anläasslich der COP21 pakatiert mit Aussagen wie: 'Der Planet liegt in unseren Händen' und 'Noch später heißt zu spät'

Die U-Bahn Station Gare du Nord ist anläasslich der COP21 pakatiert mit Aussagen wie:
‚Der Planet liegt in unseren Händen‘ und ‚Noch später heißt zu spät‘

Die Ungerechtigkeit schreit zum Himmel: Diejenigen, die sowieso schon unter prekären Bedingungen leben, ohne finanzielle Rücklagen, ohne soziale Absicherung und direkt und unmittelbar von Wetter und Umwelt abhängig, kriegen auch den Klimawandel am Stärksten ab. Aus dem dringenden Bedürfnis, insbesondere den Kleinbauernorganisationen mehr Unterstützung bieten zu wollen, sich gegen klimatische Veränderungen zu wappnen und gleichzeitig nicht in einer „Opferrolle“ stecken zu bleiben, entstand der Fairtrade-Klimastandard, als Teil des Klimaprogramms.

In einem kleinen Theater in der Nähe des Jardin du Luxembourg fand nun eine Neben-Mini-Conference of the Parties statt, denn die Gäste setzten sich einerseits aus allen Teilen der Fairtrade-Bewegung zusammen – Kleinbauern, Produzentennetzwerke, Fairtrade International, Nationale Fairtrade Organisationen – andererseits aus Zivilgesellschaft und Unternehmen.

 

„Unternehmen müssen ihre Hausaufgaben machen“

Auf dem Podium saßen jene Parteien, die der Klimastandard verbindet: Die Kleinbauern und Gemeinden, die die Klimaprojekte umsetzen, die Unternehmen, die die dort generierten Klimazertifikate einkaufen und die Organisationen, die durch Aufbau und Umsetzen der Projekte sowie durch Berechnung des Klimafußabdrucks beide Seiten unterstützen. Deutsche Post DHL und Marks & Spencer’s sind die ersten internationalen Partner, die ihre Teilnahme am Klimastandard zugesagt haben. Beide Unternehmen kompensieren bereits Emissionen und wollen ihr Engagement jetzt auf den Fairtrade-Klimastandard ausweiten. Das Besondere an den Fairtrade Carbon Credits? Marion Verles von der Organisation Gold Standard, Kooperationspartner für den Klimastandar, erklärt es so: „Endlich kommt das Thema der Verantwortlichkeiten wieder auf den Tisch. Unternehmen müssen zuerst ihre Hausaufgaben machen und Emissionen reduzieren. Erst dann geht es ans Kompensieren“, und auf die Klimaprojekte bezogen: „Um den Klimawandel in Angriff zu nehmen, müssen wir auch Entwicklung voranbringen.“

Glaubwürdigkeit zurück in den Emissionshandel

Ich und meine Kollegin Corina Nienhaus mit Victor Biwot aus Kenia.

Ich und meine Kollegin Corina Nienhaus mit Victor Biwot aus Kenia.

Auch Victor Biwot habe ich auf der Veranstaltung getroffen. Der Teebauer aus Kenia kommt bereits im Guardian und in einem Beitrag auf unserer Website zu Wort. Er hatte auf der COP Gelegenheit, sich unter anderem mit Kleinbauern aus Malawi auszutauschen. Er sagte mir, dass die Bauern dort mit denselben Problemen kämpfen wie er sie selbst in Kenia erlebt: Wettermuster ändern sich und es ist nicht mehr planbar, wann welche Arbeitsschritte am besten zu tun sind. „Wir empfehlen unseren Mitgliedern, ihren Anbau zu diversifizieren. Zum Beispiel ist Cassava sehr robust“, berichtete er. Außerdem hofft er, dass die Teebauern in Zukunft auch ein Klimaprojekt auf die Beine stellen können. Mit atmosfair oder dem FairClimatFund aus den Niederlanden gibt es erfahrene Organisationen, die beim Aufbau der Projekte eine wichtige Rolle spielen. Sven Bratschke von atmosfair war Teil der Podiumsrunde im Théatre Lucernaire. Er sieht im Fairtrade-Klimastandard die große Chance, „Glaubwürdigkeit in den Emissionshandel zurückzubringen.“ Bislang seien die Leute vor Ort zu wenig beteiligt und in den Mittelpunkt gestellt worden. Fairtrade schließe diese Lücke.

Non, le monde ne regrette rien….?

Noch vier Tage. In diesen vier Tagen soll also die Welttemperatur vertraglich auf zwei Grad – besser darunter – runtergekühlt werden. Die Pessimistin in mir sagt, dass wir die erste Spezies sein werden, die wider besseren Wissens mit Volldampf in ihren eigenen Niedergang rast. Tolle Bestmarke. Die Optimistin sagt: In den letzten 24 Stunden durftest du so viele positive und kreative Menschen treffen, die überzeugt sind, dass wir alle etwas tun können und die aus der Situation das Beste machen – wir können das schaffen.

Es wäre schön, wenn es gelänge, dass die Welt es nicht bedauern muss, die Spezies Mensch hervorgebracht zu haben.