Rückblick auf die vergangenen zwei Tage: Flor del Pino & Cocafelol

Was kann nach zwei so beeindruckenden Erlebnissen noch kommen? Am Sonntagnachmittag, direkt nach fünf Stunden Anreise aus El Salvador, durfte ich Flor del Pino kennenlernen, eine tolle bäuerliche Genossenschaft, die mit einer spannenden Mischung aus Solidarität, Bodenständigkeit und Innovation in den letzten Jahren sehr viel erreicht hat. Danach hatte ich am nächsten Morgen die Gelegenheit Cocafelol zu besuchen. Dort erfuhr ich wie die Arbeitsrealität einer größeren Kooperative aussieht und wie viel sich für die Mitglieder durch wissenschaftliches Arbeiten und Innovation im Bereich Bioanbau, kluge Investitionsentscheidungen und eine gelungene Gemeinschaftspolitik erreichen lässt. Roberto, der Geschäftsführer, war auch sehr ehrlich und direkt, als es um die Herausforderungen und Krisen auf dem schnellen Wachstumspfad einer Kooperative ging. Wenn die Mitgliederzahlen stetik steigen, dann müssen Strukturen angepasst und Machtverhältnisse neu ausgehandelt werden, damit die Kooperative ein effektives Gemeinschaftsunternehmen bleibt.

Besuch Drei: Kaffeekooperative Coagricsal

Jetzt habe ich am Nachmittag meines zweiten Tages in Honduras bei Coagricsal die Chance zu sehen, wie es ist, wenn man so erfolgreich war, dass man noch weiter wächst. Cograicsal ist mit mehr als 1.500 Mitgliedern die größte Fairtrade zertifizierte Kaffeekooperative in Honduras. Und sie ist auch eine der ältesten im Fairtradesystem überhaupt. Wenn ich wieder zu Hause bin, werde ich mal nachforschen, wie viel die einzelnen Fairtrade Initiativen in Europa (TransFair, Fairtrade Foundation, Max Havelaar France etc) schon über Coagricsal veröffentlicht haben. Wenn man „Coagricsal Fairtrade“ googelt, findet sich sicher so einiges. Bei „Coagricsal Comerio Justo“ wohl auch.
Das Hauptquartier von Coagricsal liegt etwa 55km von Santa Rosa de Copán, in der Nähe des Dorfes la Chalmeca. Der Parkplatz ist dreimal so groß wie bei Cocafelol, vielleicht ist das auch ein guter Indikator. Iris hat auch hier den Termin langfristig vereinbart. Leider ist Oscar, dem Geschäftsführer aber kurzfristig ein Notfall dazwischen gekommen.

Es ist Erntezeit

Wir sind am Beginn der Erntezeit. Bei Coagricsal wird schon seit ein paar Tagen Kaffee verarbeitet, weil der Kaffee der Genossenschaft schon ab 900m angebaut wird. Und wenn die Kaffeeernte begonnen hat ist der Betriebsalltag nicht mehr strikt planbar.
Die Verwaltungsangestellten arbeiten zur Erntezeit durchschnittlich elf Stunden täglich. Bauern kommen und gehen um ihre Quintales abzuliefern, die gewogen und bezahlt werden müssen. Die Maschinen sind im Dauereinsatz und wenn irgendetwas kaputt geht, muss sofort gehandelt werden – Ausfälle kann man sich nicht leisten. Gleichzeitig ist es die heiße Phase der Geschäftsabschlüsse. Die Ernte ist da, kleine Mengen werden den Kunden zum Qualitätstest angeboten, Preise müssen verhandelt werden usw.

Umso dankbarer bin ich, dass sich trotz dieser surrenden Aktivität sowohl Marleny, die Vertriebsleiterin, als auch Douglas, der Qualitätsverantwortliche für die gesamte Kaffeetrocknung und Debby, die Verantwortliche für Fairtrade und andere Zertifizierungen, Zeit für mich nehmen.

Umstrukturierung bei Coagricsal

Wir halten eine kurze Vorbesprechung, wo ich erfahre, dass Coagricsal sich gerade mitten in einem Umstrukturierungsprozess befindet. Die alten Strukturen passen nicht mehr für die neue Größe und Zuständigkeiten müssen verändert werden. Ein Experte in Human Ressource Management, der viele Jahre Kleinbauernorganisationen im Auftrag von Fairtrade International beraten hat und jetzt als eigenständiger Berater unterwegs ist, hat diesen Auftrag angenommen und unterstützt das Management im Umstrukturierungsprozess. Bei mehr als 1500 Mitgliedern und einem Jahresumsatz von fast 5,9 Mio Tonnen Kaffee muss man solche Prozesse behutsam angehen.

 

Coagricsal (35)

Die dritte Tour in zwei Tagen

Dann beginnen wir recht bald mit der Führung. Man merkt Marleny und Douglas an, dass sie normalerweise nicht diejenigen sind, die die Besucher herumführen.
Die beiden und Oscar sind schon lange Mitarbeiter von Coagricsal. Oscar, der Geschäftsführer, leitet die Kooperative schon seit 2003, fast von Anfang an. Ich stelle fest, dass eine erfolgreiche Kooperative, ebenso wie der TransFair e.V. in Köln, offensichtlich auf eine solide, langfristige Personalplanung und Personalbindung setzt. Jedenfalls sind in unserem kleinen Kölner Team auch schon viele Kollegen sehr lange dabei, und der geschäftsführende Vorstand ist noch derselbe wie vor 23 Jahren.

Tourstart

Wir gehen zunächst ins Gewächshaus. Hier gibt es neben Kaffeesetzlingen und Kaffee-Jungpflanzen auch aromatischen Pfeffer und Kakaopflanzen. Noch arbeitet Coagricsal zu diesen beiden Produkten noch nicht mit Fairtrade zusammen, hofft aber, bald passende Fairtrade Käufer zu finden.

Kakao als Zusatzprodukt

Debby erklärt mir, dass der Kakao für viele der Mitglieder ein interessantes Zusatzprodukt sei, weil die Ernte einfach und die Preise im konventionellen Bereich stabiler sind, als die konventionellen Kaffeepreise. Deshalb hat Coagricsal in den letzten drei Jahren Kakao zu einem weiteren Standbein ausgebaut. Damit die Kakaoqualität konstant ist, wurde eine zentrale Verarbeitungs- und Fermentierungsstelle auf dem Kooperativengelände errichtet. Die gleichmäßige Fermentierung der Kakaobohnen ist für die Endqualität mindestens ebenso relevant wie die Art des Anbaus. Die Fermentierungsanlage ist den anderen Anlagen in der Regionen weit voraus, wie Debbie stolz berichtet. Durch das Einlagern der Bohnen auf Tabletts, die mit einem Pater Noster Aufzugsystem rotieren, können auf einer sehr kleinen Grundfläche alle Fermentierungsstufen optimal durchlaufen werden. 24 Stunden muss der Kakao auf jeder der fünf Stufen bleiben. Danach kommt er auf Metalltabletts auf der untersten Stufe, die nach und nach stärker der Sonne ausgesetzt werden: Zwei Stunden am ersten Tag, vier am zweiten und sechs am dritten. Danach wird der Kakao im Hof vor dem Fermentierungsgebäude in der Sonne noch weiter getrocknet, bis er fertig für Lagerung und Verkauf ist.

Dezentrale Kaffeeannahmestellen

Wegen der großen Anzahl der Mitglieder und des weiten Einzugsgebietes, sind die Kaffeeannahmestellen dezentral organisiert. So wird es den Mitgliedern leichter gemacht und die Ernte wird immer direkt verarbeitet. Der Kaffeetrocknungsofen von Coagriscal ist dreimal so groß und auch dreimal so laut wie der der anderen Kooperativen.

„Maquila“ – Herzstück der Kooperative

Und dann, ja, dann kommen wir zum Herzstück der Verarbeitungsanlage von Coagricsal. Seit zwei Jahren hat die Kooperative eine eigene „Maquila“ – die Maquila ist die Anlage, in der die Kaffeebohnen von der Pergamenthaut befreit und sortiert werden. Die Maschine füllt eine ganze Halle aus. Neueste Technologie. Von einem dänischen Hersteller, Cimbria. Ich merke allen den Stolz an. Und auch die Freude über dieses Arbeitsgerät, die es den Mitgliedern von Coagricsal ermöglicht, das allerbeste aus ihrem Kaffee herauszuholen. Denn die Verarbeitung ist sehr schnell, und so schonend, dass weniger Bohnen kaputt gehen. Die Sortierung nach Farbe, Dichte und Größe erfolgt vollautomatisch und hilft dabei, Kundenansprüche in Bezug auf diese Merkmale der Kaffeebohnen genauestens umzusetzen.

Und das wiederum hebt den Preis und die Kundenzufriedenheit. Aber die Maschinenhalle bedeutet noch etwas: Unabhängigkeit. Fast alle Kleinbauern sind für diesen letzten, hochtechnisierten Arbeitsschritt, der für den Export zwingend notwendig ist und auch „Beneficio“ genannt wird, von finanzstarken Unternehmen abhängig. Diese können gute Partner sein, dennoch ist es nicht dasselbe, wenn man andere beauftragen muss und es kann ein großer Vorteil sein, wenn man eigene Kapazitäten hat. Allerdings nur dann, wenn man mit diesen auch logistisch und strukturell umgehen kann, und die Finanzdecke solide genug ist. Dann lohnt es sich, in diesen teueren Maschinenparkt zu investieren. Für Coagricsal war das der Fall – schon jetzt ist der Kredit amortisiert, sagt der Qualitätsbeauftragte Douglas. Zur besseren Verwaltung und Abwicklung der „Beneficio“ Aktivität hat Coagricsal das getrennte Unternehmen „BEO“ gegründet: „Beneficio de Exportación de Occidente“ – in diesem Film kann man sehen, wie die Anlage arbeitet. Und man sieht auch den ganzen Stolz, der mit diesem Arbeitsgerät verbunden ist.

Was mögen die Mitglieder von Coagricsal an ihrer Kooperative?

Die Angestellten glauben, dass es vor allem die Stärke ist, die durch den gemeinsamen Besitz der Verarbeitungsanlagen entsteht. Und die menschliche Nähe der Geschäftsführung zu den einzelnen Bauern. Wenn man das mit Flor del Pino und den 33 Mitgliedern vergleicht, die im 14 Tagerhythmus die Geschäftspläne besprechen, dann sieht man die ganze Bandbreite der Fairtrade Genossenschaften. Und auch die Bandbreite der Entwicklungsoptionen. Es gibt keinen vorgeschriebenen Weg und auch kein bestimmtes Ziel in Bezug auf die Grösse einer Kooperative.

Man merkt, wenn Strukturen funktionieren. Wenn sie lebendig sind und ihren Mitglieder sowie der ganzen Gemeinschaft nutzen.

Ich bin erstmal müde von so vielen Eindrücken, und freue mich auf eine gute Tasse Kaffee. Aus Honduras! Woher sonst??