Rückblick Vollversammlung

Die letzten zwei Tage waren so intensiv und reich an Eindrücken, Gesprächen und Erkenntnissen, dass ich nachts kaum schlafen konnte vor lauter Energie und neuen Gedanken. Bei der Vollversammlung der CLAC in El Salvador, die vor vier Tagen zu Ende gegangen ist, konnte ich Vertreter von 140 der 588 Produzentenorganisationen in Lateinamerika kennenlernen. Nach der Großveranstaltung fuhren wir mit dem Jeep nach Honduras. Mit meiner Kollegin Iris Reyes besuchte ich drei Produzentenorganisationen: Flor del Pino, Cocafelol und Coagricsal.

Flor del Pino

„Eins ist mir nach dem Besuch der drei Organisationen klarer denn je: Bei Fairtrade reden wir nicht nur von Vielfältigkeit, wir leben sie auch.“

Flor del Pino ist eine kleine Kooperative im westlichen Zipfel von Honduras. Die 33 Mitglieder bewirtschaften gemeinsam etwa 110 Hektar Kaffeeparzellen. 280 Hektar Wald gehören ebenfalls zur Kooperative, die das Land nach einem besonderen Modell bewirtschaftet: Die Fläche gehört allen Kooperativenmitgliedern als Kollektivbesitz. Neue Mitglieder können hinzukommen und bekommen Land zugeteilt, allein im letzten Jahr sind acht Neue aufgenommen worden. Wer die Kooperative verlässt, der muss das Land zurücklassen. Auf diese Art haben die Mitglieder von Flor del Pino eine sehr stabile Produktionsgrundlage.

Das Land wird auch auf andere Weise genutzt. Es gibt an die 100 Bienenstöcke und eine Herberge für Erntehelfer und Touristen. Demnächst sollen noch kleine Hütten für Touristen hinzukommen.

Flor del Pino ist seit drei Jahren Fairtrade-zertifiziert. Seitdem ist sehr viel passiert. Es gibt beispielsweise gemeinschaftliche Gebäude, die von der Fairtrade Prämie und eigenen Geldern finanziert wurden. Die Gebäude wurden mir präsentiert. In einem großen Besprechungsraum treffen sich alle (!) Mitglieder alle zwei Wochen, um die kommenden 14 Tage zu planen, nachzuprüfen, ob alle Pläne erfüllt worden sind, und alle anderen notwendigen Entscheidungen zu treffen.

Die Gesichter der Kooperative

Quetxel ist seit zwei Jahren gewählter Vorstand der Kooperative. Veronica arbeitet seit acht Jahren als Geschäftsführerin für Flor del Pino. Sie ist ein Motor der kleinen Gemeinschaft und sorgt dafür, dass die Finanz- und Management Infos vorliegen und so aufbereitet sind, dass alle dem Gespräch folgen, und so tatsächlich mitentscheiden können.

Die zusätzlichen Aufgaben der Geschäftsführung

Neben der Aufgabe, die Geschäfte gut zu führen, vermittelt die Geschäftsführung dieses Wissen auch an die Mitglieder, so dass alle tatsächlich die Chance haben, die Geschicke der Kooperative mit zu lenken. Das ist eine große Herausforderung. In Flor del Pino ist die Anbindung aller an die Geschäftsentscheidungen durch die geringe Mitgliederzahl und den kollektiv Besitz sehr groß.

Eine Tour durch die Kooperative

Frauenkaffee – die Einnahmequelle der Frau

Im Gemeinschaftsgebäude gibt es neben dem Besprechungsraum seit vier Monaten eine neue Kaffeeröstmaschine. Diese wird von der Frauengruppe genutzt, die pro Woche an die 110 kg Kaffee röstet und auf dem lokalen Markt vertreibt. Heidi, die Vorsitzende der Gruppe zeigt uns, wie alles funktioniert, und natürlich kaufe ich diesen Frauenkaffee. Probieren konnte ich ihn noch nicht, das hebe ich mir für die Rückkehr nach Köln auf. Die Frauen haben noch eine zweite Quelle für Direkteinnahmen: Sie schleudern den Honig und vermarkten ihn. Die Zentrifuge wurde mit Hilfe der Fairtradeprämie finanziert. Ein Randprodukt der Imkerei ist eine Creme aus Honig und Olivenöl, eine weitere Einnahmequelle für die Frauen.

Flor del Pino (10)

Zu viele Ideen für zu wenig Zeit

Nachdem ich in nur einer halben Stunde all diese Gebäude gesehen, und von so vielen verschiedenen Projekten gehört hatte, habe ich Quetxel, Vero und Heidi fast um Gnade gebeten, mir nicht noch mehr gute Ideen und Projekte zu zeigen, weil meine Aufnahmefähigkeit sich langsam erschöpfte…

Aber den Gefallen konnten sie mir nicht tun! Weiter ging die Tour, zunächst zum Kaffeelagerhaus, das derzeit noch leer ist, weil die Ernte in dieser Höhe (1.000-1.400m) gerade erst beginnt, und der Kaffee dann zunächst verarbeitet werden muss. Das Haus wurde gemeinsam von allen Mitgliedern vor drei Jahren finanziert. Ich bekomme langsam den Eindruck, dass Handwerker im nächstgelegenen Ort Senseti sich ebenfalls über die große Dynamik in den Aktivitäten von Flor del Pino freuen – da gibt es Aufträge für alle Gewerke!

Flor del Pino Honduras (70)

Gute Ernte für Flor del Pino

Wir fahren mit dem Jeep zu einem etwas höher gelegenen Kaffeehang. Unterwegs kann ich die Unterkunft für Touristen und Saisonarbeiter aus der Nähe betrachten. Der Kaffee ist fast reif, rote Kirschen an vielen Sträuchern. Es wird in zwei bis drei Tagen geerntet.

Die Ernte wird gut sein, Flor del Pino hat nach dem Kaffeerost viele Pflanzen erneuert, und andere bis auf einen Stumpf abgeschnitten. Jetzt tragen sie wieder. In diesem Jahr werden vier Container exportfertig werden, das sind in etwa 70.000kg Rohkaffee.

Aber bis es soweit ist, liegt noch viel Arbeit vor den Mitgliedern von Flor del Pino. Der Kaffee muss von Hand gepflückt, dann sortiert, gewaschen, im Hof vorgetrocknet und in der Maschine mit Wärme getrocknet werden. Alle diese Arbeitsschritte können bei Flor del Pino in Eigenregie, in den eigenen Produktionsanlagen durchgeführt werden. Die Sortier- und Waschanlage ist drei Jahre alt und hat eine Investition von 100.000 Dollar erfordert. Das entspricht in etwa dem, was die Mitglieder von Flor del Pino in fünf Jahren durch sparen zurücklegen können. Die Maschine wurde über einen Kredit finanziert, der sich, so Verónica, schon jetzt amortisiert hat, weil die Kaffeequalität durch die schnelle Verarbeitung vor Ort steigt, und zu einem höheren Preis verkauft wird.

Honigwasser nährt die Böden

Und jetzt wird es erst richtig spannend. Ein Nebenprodukt der Kaffeewaschung ist das Abwasser, auch „aguas mieles“ – Honigwasser genannt. Diese Abwässer enthalten organische Stoffe und sind sehr fruchtbar. Wenn man das Abwasser aber einfach nur stehen lässt, dann wird es durch unkontrolliertes Weiterfermentieren toxisch. Flor del Pino produziert ausschließlich nach Grundsätzen des Bioanbaus und braucht daher immer Biodünger für die Pflanzen. Seit Neuestem wird dieser direkt aus den aguas mieles hergestellt. Heidi hat von der Kaffeekooperative Comsa gelernt, wie man selber kostbaren Dünger macht, und zwar verschiedene Sorten. Seit Beginn der Vorernte (Kaffee schlechterer Qualität kann schon seit ein paar Wochen gepflückt werden) setzt sie ihr neu erworbenes Wissen um. Das Waschwasser, das Fruchtfleisch der Kaffeekirschen, Regenwürmer, Mineralstoffe, Mikroorganismen aus dem Wald sind dabei ihre wichtigsten Alliierten für die Herstellung von Bodendünger, Kompost, und verschiedenen flüssigen Blattdüngern. Ich bin beeindruckt und sehe ihr den Stolz über das Erlernte an. Eigentlich hat Heidi zwei Jahre lang die Oberschule für Sozialarbeit besucht und dort ihren ersten Abschluss gemacht. Aber ein Job ist derzeit nicht in Sicht und für ein Studium an der Hochschule reicht das Geld nicht. Also setzt sie ihre Intelligenz und ihren Lernwillen für die innovative Seite des Kaffeeanbaus ein.

Zusammenfassung und Abschied

Es wird Zeit für den Abschied. An nur einem Nachmittag haben Quetxel, Vero und Heidi mir zusammen mit drei weiteren Kooperativenmitgliedern großzügig viel über ihren Alltag und ihre Pläne mitgeteilt. Ich bin dankbar für diesen Start und frage mich, welche kleinen Kaffeeröster in Europa wohl am ehesten genau zu Flor del Pino passen würden. Denn eins ist klar: Dies ist eine Kooperative mit Charakter, und auch bei uns gibt es Unternehmen, deren Philosophie genau hierzu passen würde: klein, mit einem hohen Gemeinschaftssinn, bescheiden, realistisch und mit Spaß an neuen Ideen.

Danke compañeros.