Ich habe auf dieser Reise viel über den Anbau und die Weiterverarbeitung von Kakao gelernt. Es ist selten genug, dass bei einem Agrarprodukt keine Pestizide oder anderen chemischen Hilfsmittel eingesetzt werden. Im Grunde ist alles bio – es muss nur noch entsprechend zertifiziert werden. Natürlich auch aus der Not heraus, weil dafür kein Geld vorhanden ist, aber eben auch in der einmaligen Form der Waldbewirtschaftung mit Schattenbäumen und anderen Pflanzen. „Dieser Schatz muss gehoben werden“ und hat auch einen Namen: die Ameloado Bohne. Unter Kennern eine Qualitätssorte, die in Westafrika eher selten vorkommt. Die unzureichenden Möglichkeiten in der Weiterverarbeitung, Transport und Vermarktung haben leider diesen enormen Vorteil zunichte gemacht und leider auch zu einer mangelnden Produktivität geführt.

Derzeit sind 3.000 Bauern bei Millennium Mitglied und das Potential ist weit höher. Dieser Prozess muss aber noch begleitet werden. Es war gut, das der EU-Botschafter in Sierra Leone, Achim Ladwig, uns auf der Reise begleitet hat. Die EU ist maßgeblicher Förderer dieser Projekte und es macht viel Sinn dies noch in der entscheidenden Phase bis zur Etablierung weiter zu begleiten.
Bisher exportiert Sierra Leone erst rund 15.000 Tonnen Kakao. Wegen diverser Mängel mit signifikanten Preisabschlägen. Das Potential ist weit höher. Mit einer Weiterführung des Projektes der Welthungerhilfe und der erfolgreichen Fairtrade-Zertifizierung könnten interessante Absatzkanäle in Deutschland und anderen europäischen Ländern erschlossen werden. Das ist unsere „Hausaufgabe“.

Auf dem Weg zurück nach Freetown machen wir einen kleinen Stopp bei einem anderen Projekt der Welthungerhilfe, das vorrangig der Ernährungssicherung dient: dem Sumpfreisanbau. Sattes grün umrahmt von tropischem Wald mutet eher asiatisch an. Wenn alles gut läuft, könnte dieses Land sich komplett selbstversorgen und müsste nicht die Hälfte des Bedarfes teuer importieren. Aber auch hier gibt es den Teufelskreislauf von Produktionshilfen, Transportmittel, guten Straßen etc..

Diese Tour lässt uns endgültig an Hape Kerkeling erinnern: „Ich hab Rücken“! Diese Reise war definitiv kein Beitrag für eine gesunde Bandscheibe. Nach weiteren vier Stunden erreichen wir wieder die Hauptstadt und sind somit mitten drin in der üblichen Verkehrshölle. Eine auf Köln übertragenen Strecke von einem Vorort in die City, sagen wir mal rund 15 Minuten von Nippes zum Dom dauert in Freetown rund 2-3 Stunden. Natürlich ist dies nicht langweilig, weil sich am Wegesrand das pralle Leben darstellt, aber es macht alle Wege mühselig.

Nach weiteren Gesprächen mit dem deutschen Botschafter, Herrn Freudenhammer, und Mitgliedern der Regierung treten wir die Heimreise an. Leichter gesagt als getan, weil der Flughafen auf einer vorgelagerten Halbinsel liegt. Mit dem Taxi dauert das rund 5 Stunden! Also rein ins „Pelikan Water-Taxi“, Gepäck notdürftig verstauen – und vor allem die Schwimmwesten an. Das leicht klapprige Boot besteht deswegen den Kampf mit den Wellen im offenen Meer, weil es schnell ist.

Am Flughafen erwartet uns die übliche Prozedur der Kontrollen von Papieren und der gründlichen Durchsuchung des Gepäcks. Die drei Musterbeutel mit rund 5kg Kakaobohnen erzeugen tiefes Misstrauen und werden konfisziert. Das lasse ich nicht auf mir sitzen und löse unter allen beteiligten Beamten eine Grundsatzdiskussion aus. Auf die Frage, ob diese Vorschriften (die es nicht schriftlich gibt) zum Wohle oder zum Schaden der Nation seien, gab es keine klaren Antworten. Bei 5kg Diamanten hätte ich ja verstanden, das es sich hier um eine große Schmuggelaktion gehandelt hätte, aber in Deutschland zu versuchen endlich Abnehmer für Kakao aus Sierra Leone zu finden, dürfte eigentlich auch im Interesse der Behörden liegen. Nach 30minütiger heftiger Diskussion durfte ich die Bohnen mitnehmen.
Bei unserem Zwischenstopp in Accra/Ghana erwartete uns auf dem Flughafen Samuel Adimado, der für Westafrika zuständige Mitarbeiter von Fairtrade International. Er erwies sich als richtiger Kakaoexperte, der alle Kooperativen bestens kennt und uns wertvolle Hintergrundinformationen geben konnte. Dies war für die mitgefahrenen Journalisten eine gute Ergänzung der Eindrücke.

Dann ging es durch die Nacht gen Deutschland. Kaffee und Zeitung haben uns so langsam wieder an das sogenannte normale Leben herangeführt. Die Meldung über das Finale des Prozesses gegen James Taylor am Gerichtshof in Den Haag wegen seiner Greueltaten im Bürgerkrieg von Sierra Leone kann ich jetzt ungleich besser einordnen. Die zahlreichen Gespräche im Land über das Erlebte und die Schwierigkeiten der Rückkehr in die zerstörten Dörfer haben mir diesen so entfernten Bürgerkrieg näher gebracht.
Nächste Woche ist Dr. Ernest Bai Koroma, der Präsident von Sierra Leone auf Staatsbesuch in Deutschland. Immerhin kommt es mit Hilfe des deutschen Botschafters zu einem direkten Gespräch mit Fairtrade in Berlin. Vielleicht hilft dies ja, alle „Stellschrauben in Bewegung zu setzen“, um durch einen verbesserten Absatz von Kakao einen wertvollen Impuls für die ländliche Entwicklung zu setzen. Die Menschen haben es verdient und wir bekommen hier vielleicht eine leckere Schokolade mit der guten Almeloado-Bohne aus Sierra Leone.
Danke an die tolle Unterstützung der Mitarbeiter der Welthungerhilfe vor Ort und die wertvolle Informationsarbeit der internationalen Mitarbeiter von Fairtrade und natürlich auch Dank an Annett Louisan, die sich diese Reisestrapazen angetan hat um mehr über „ihr Patenprodukt Schokolade“ zu erfahren.