Mit fast zwanzig spannenden Mitreisenden und Gesprächspartnern bin ich auf Dialogreise mit Newtrade zum Thema öffentliche Beschaffung.

Zwei Tage Bangladesch, ich bin erschlagen von den vielen Eindrücken. Wegen der kulturellen oder landschaftlichen Schönheit kommt man hier nicht her. Alles liegt unter einer dicken Staubschicht, 17 Millionen Einwohner ohne funktionierenden öffentlichen Verkehr sprechen ihre eigene Sprache. Und jeden Tag kommen 2000 dazu.

In der Stadt Dhaka gibt es allein 5.000 Textilfabriken, die für den Export arbeiten. Unsere diversen Gesprächspartner sagen uns, dass Bangladesch wesentlich besser aufgestellt sei, als sein Ruf. Es sind auch einige Verbesserungen im Bereich Gebäudeschutz und Umweltperformence durchgeführt worden. Die neuen Vereinbarungen haben zu mehr Transparenz und Überwachung geführt. Aber das Textilbündnis ist allerdings weitgehend unbekannt. Zu viele ausländische Initiativen wurden nach dem Rana Plaza Unglück initiiert. Die Lage ist unübersichtlich – die Politiker aufgrund der internationalen Interventionen auch nicht erfreut.

Unruhen nach Gewerkschaftsstreik

Die Lage ist nach dem Gewerkschaftsstreik im Dezember sehr aufgeheizt. 1.600 Arbeiter*innen stehen auf schwarzen Listen und werden nie wieder Arbeit in dieser Textilindustrie bekommen, 44 Menschen wurden festgenommen. Und wer in Bangladesch im Gefängnis sitzt, kommt so schnell nicht wieder raus.

In diesen Unruhen ist auch Nazmas Aktars Büro in Ashulia geschlossen worden. Ihr geht es aber gut, sie hat sich mit 16 anderen Frauenorganisationen zu einer Plattform „Women Workers‘ Voices“ zusammen geschlossen, um mehr Einigkeit und Durchsetzungskraft im Kampf für mehr Frauenrechte und bessere Löhne zu entfalten.

Gewerkschaftsfreiheit und existenzsichernde Löhne

An das Thema Gewerkschaftsfreiheit und existenzsicherndes Löhne wagt sich kein Unternehmer und kein Politiker. Der Mindestlohn beträgt 5.300 Taca, umgerechnet sind das ca. 61 Euro. Davon kann man selbst in Bangladesch nicht leben. Daher sind viele Näherinnen bereit, Überstunden zu machen, die dann doppelt vergütet werden müssen. Mindestens das Doppelte, besser das Dreifache wäre notwendig, um Miete, Strom, Essen, Transport, Gesundheitsversorgung und Schulgeld für die Kinder zahlen zu können. Aber die Löhne einfach anheben geht auch nicht, mit Myanmar oder Äthiopien warten schon die Wettbewerber. Die Angst ist sehr groß, dass die Karawane einfach weiterzieht. Auch gibt es Untersuchungen, die zeigen, dass einerseits die Löhne seit 2011 geringer wurden (Inflation von 7 Prozent aber keine Lohnerhöhung) aber auch die Margen der Fabrikbesitzer zurückgegangen sind.  Hier sind jetzt die Käufer in der Pflicht, die Marken, Handelsketten und auch die öffentliche Hand, stärker Druck auszuüben, und gleichzeitig Preise zu zahlen, die eine Lohnverbesserung erlauben. Es scheint eine Illusion, es ist aber die einzige Möglichkeit. Es liegt noch ein sehr langer Weg vor uns.