Wenn unser Hotel nicht einen eigenen Generator hätte, würden die ständigen Stromausfälle (die es überall gibt, auch in der Hauptstadt) immer gleich zu einer kompletten Dunkelheit führen. Vom All aus dürfte Sierra Leone eher einen dunklen Fleck darstellen. Das mag für uns unter dem eindrucksvollen afrikanischen Himmel ein romantisches Erlebnis sein, für die Menschen die dort leben, ist es profane leidvolle Realität.
Das Frühstück im Hotel ist eine Lehrstunde was die Verfügbarkeit eigener Lebensmittel angeht. Es gibt nur in Plastik abgepackte Importware: Saft aus dem Libanon, Reis aus Indien, Nestle-Kaffee definitiv nicht aus dem Land, Tee aus Pakistan….Es gibt im ganzen Land keinen einzigen Fruchsaftabfüller, von anderen Herstellern ganz zu schweigen. Es gäbe auch hierfür keine Energie. Derzeit sind vor allem chinesische Aktivitäten sichtbar im Straßenbau und im Fischfang. Dies dürfte aber eher für eigene Interessen sein und weniger zum „Wohl des Volkes“.
Wieder auf Tour über verstaubte Lehmpisten geht es so grob Richtung Guinea in die Talia area im Kakaogürtel. Wir überqueren einige Flüsse, die trotz Trockenzeit noch überraschend viel Wasser führen. Trotzdem ist die Wasserversorgung im Land noch ein großes Problem, weil die einzelnen Dorfbrunnen so langsam den verfügbaren Grundwasserspiegel ausgeschöpft haben. Das sieht man an den vielen Frauen und Kindern, die mit Krügen auf dem Kopf kilometerlange Wege zu den Wasserstellen außerhalb zu bewältigen haben.
Die meisten Kooperativen stehen noch in den Anfängen. Es ist noch viel Aufbauarbeit nötig um überhaupt exportfähig zu werden und den Kakao nicht zu lausigen Preisen an den Zwischenhandel zu verkaufen. Traditionell ist der Handel seit Jahrzehnten in libanesischer Hand, ähnlich wie auch der Diamantenhandel der neben Kakao und Kaffee das einzige Exportgut ist. Dank einiger Projekte in der Entwicklungszusammenarbeit – hier sei vor allem die Welthungerhilfe genannt – sind erste wertvolle Schritte aber schon gemacht.
Wenn ich bei unserer Arbeit in Deutschland immer versuche die Brücke in die Produzentenländer zu schlagen, dient diese Reise auch dazu, diese Brücke vom anderen Ende zu begehen. Konsumenten in Deutschland kennen beim Kauf von Schokolade nicht die Erzeuger der Rohstoffe und die Kakaobauern in Sierra Leone wissen nicht was mit ihren Bohnen gemacht wird. Für sie ist Kakao im Grunde kein Lebensmittel, sondern einfach nur Exportgut. Der Fairtrade-Mitarbeiter vor Ort, Samuel Adimado, schilderte uns seine Eindrücke aus den vielfachen Besuchen bei den Kooperativen so: „Die Mängel in der Weiterverarbeitung müssten „psychologisch“ so angegangen werden, um bei Kakao das gleiche Verständnis wie bei Reis zu erzielen“ sprich jedes Korn, das eine andere Farbe hat aussortieren, oder jedes kleine Steinchen etc. zu entfernen. Was hier nach der Ernte von Reis ja selbstverständlich ist.
Ich habe für die Reise eine Reihe von Produkten mit genommen – nicht als Wegnahrung, sondern um bei den Gesprächen in den Kooperativen zu zeigen, welche Produkte hier bei uns aus westafrikanischen Kakao hergestellt werden. Sie zu sehen, sie zu probieren. Die Bauern der EFMCA-Kooperative in Talia verbringen ihr ganzes Leben mit dem Kakaoanbau und sehen zum ersten Mal in ihrem Leben ein Produkt aus Kakao, sprich Schokokekse oder Instant-Kakao. Das waren spannende und schöne Momente hier die Brücke eben von der anderen Seite zu schlagen. Dies wäre mein Traum, dass Alle die jeweilige andere Seite der Brücke kennen würden und der globale Handel eben aus der Anonymität kommt. Als besonderes Gastgeschenk kommen die Fairtrade-Fußbälle natürlich besonders gut an. In Sierra Leone wird auf jedem halbwegs geraden Acker gekickt, mit allem was rund ist! Auch hier funktioniert die Brücke mit einer kleinen Geschichte aus Pakistan, wo die fairen Bälle genäht werden. Bei unserem Rundgang durchs Dorf ist Annett Louisan sofort von einer Traube von Kindern umringt. Es ist für beide Seiten ein besonderes Erlebnis. Die Herzlichkeit der Menschen ist berührend.
Für mich gibt es Musterkakao und den ernsthaften Eindruck, dass die Kooperativen hart an den Schwachstellen in der Weiterverarbeitung arbeiten – dem Trocknen und Fermentieren. Jetzt müssen wir in Deutschland nur noch Firmen finden, die sich mit den Kooperativen auf den Weg machen und diesem Kakao eine Chance geben! Träumen hier Jugendliche von den neuesten Errungenschaften der elektronischen Industrie, ist es in Sierra Leone schlicht und einfach der Luxus eines Fahrrades (Motorrad ist erst recht unerreichbar). Nur jeder 20. Hat ein Fahrrad, kein Wunder bei einem Anschaffungspreis von rund 80 Dollar, was fast einem Dreimonatsgehalt entspricht, wenn man überhaupt irgendeine Arbeit hat. Es würde für viele, trotz der grenzwertigen Holperpisten, den Gang zum nächsten Markt extrem verkürzen. Ich habe viele Menschen gesehen, die bis zu zwei Tage zu Fuß bei 35 Grad und 80% Luftfeuchtigkeit unterwegs sind, nur um einen Korb voll Cassava-Wurzeln oder Cashew oder was auch immer zu einem Straßenmarkt zu bringen.
Wieder voller Eindrücke zurück in unserem Quartier in Kenema besuchen wir die Zentrale der größten Kooperative im Lande Dank hervorragender Aufbauhilfe durch die Welthungerhilfe sind von der Verbesserung im Anbau, wie Beschneiden der Bäume bis hin zur Lagerung und Qualitätsmanagement viele Vorhaben in der Umsetzung. Es ist schön zu sehen, wie ohne Hightech viele einfache konkrete Schritte spürbaren Fortschritt bringen. Die Weichen für eine bessere nächste Ernte sind gestellt. Ich bin guter Dinge, das die Voraussetzungen für die nächste Ernte besser werden und das die Fairtrade-Zertifizierung erfolgreich ablaufen wird. Im Mai erfolgt dann die endgültige Entscheidung im internationalen Prüfkomitee in Bonn. Die Vorbesuche haben ergeben, dass die Organisation inzwischen gut strukturiert ist.