Innerhalb meines Volontariats bei Fairtrade Deutschland bin ich gerade für einen Monat im indischen Bangalore. Ich arbeite bei Fairtrade India mit der Marketing-Organisation für Fairtrade in Indien. In diesem Blog berichte ich über meine Eindrücke und Erlebnisse dort.

Foto: Fairtrade India

Mir hatten zwar alle im Hostel versichert, mindestens eine halbe oder besser eine ganze Stunde später als vereinbart im Büro aufzutauchen und eigentlich war auch war absehbar, dass das ein guter Ratschlag war. Aber so hatte ich dank der verschlossenen Bürotür wenigstens direkt an meinem ersten Morgen in Indien die Gelegenheit, mir die Umgebung anzusehen und einen Kaffee zu trinken. Den guten Fairtrade-Kaffee aus Deutschland vermisse ich täglich, hier in Indien ist er leider noch kaum erhältlich.

Meine Ankunft in Bangalore, Hauptstadt des indischen Bundesstaates Karnataka und drittgrößte Stadt Indiens, fällt mitten in die Fairtrade India ist eine Marketing-Organisation unter dem Dach von Fairtrade International, die im November Jubiläum feiert. Erst vor vier Jahren, am 21. November 2013, hat sich Fairtrade India mit dem CEO Abhishek Jani gegründet und steht damit noch ziemlich am Anfang. Die Organisation ist damit an einem ganz anderen Punkt als Fairtrade Deutschland, das nach 25 Jahren das Fairtrade-Siegel in Deutschland etablieren konnte und so gut wie allen Konsumenten geläufig ist.

10 Städte, 30 Events, 4000 Teilnehmende

Anders als bei der ersten Fairtrade Week im letzten Jahr sollte diesmal gezeigt werden, wie viel Unterstützung der Fairtrade-Bewegung in Indien bereits zukommt. Vom 13. bis 19. November gab es anlässlich der Kampagne vor allem in den drei Metropolen Bangalore, Delhi und Mumbai etliche Aktionen. Aber auch in mehreren kleineren Städten, wie etwa der ehemaligen französischen Kolonie Puducherry. An die verschiedenen Städtenamen aus den Zeiten des Britisch-Indien muss ich mich übrigens auch noch gewöhnen und habe vor meiner Reise mehrmals gecheckt, ob ich auch wirklich in Bangalore ankomme, wenn ich nach Bengaluru fliege.

Foto: Fairtrade India

Beteiligt haben sich die verschiedensten Akteure des fairen Handels in Indien: von Cafés über Schulen bis hin zu Kooperativen. Zielgruppe waren alle, die mit Fairtrade verbunden sind, egal in welcher Hinsicht. Es gab Kochabende, Infoevents und Filmscreenings und alle waren aufgerufen, ihre Aktivitäten auf der Social Media Wall zu dokumentieren. Für das Kampagnenteam im Büro, das im Grunde nur aus einer Person besteht, nämlich Devina Singh, hieß das: Webseite aktualisieren, Social Media bedienen, Pressemitteilung schreiben, Journalisten akquirieren, Materialien versenden, Briefings erstellen, Anfragen beantworten und so weiter.

Foto: Fairtrade India

Devina ist praktisch für die gesamte Kampagnenarbeit zuständig, das Team besteht ingesamt aus nur fünf Personen, von denen die Mehrheit nur in Teilzeit arbeitet, bzw. vielmehr in Teilzeit angestellt ist. Wenn ich die geringen personellen, finanziellen und zeitlichen Kapazitäten betrachte, finde ich den Outcome umso beeindruckender. Für die Fairtrade Week haben sich insgesamt mehr als 4000 Teilnehmende mit 30 Events registriert, darunter viele Schulen und Kooperativen, wodurch die hohe Teilnehmerzahl zustande kommt. Die sehr begrenzten Ressourcen führen auch dazu, dass die benötigten Materialien ganz genau abgezählt werden und nichts davon im Altpapier landet. Nachhaltigkeit kann in diesem Sinne auch ein Zufallsprodukt sein, das einfach aufgrund der fehlenden Möglichkeit von Verschwendung entsteht.

Foto: Fairtrade India

Wahre Klischees und Einheit in Vielfalt

In einem Gespräch über die Kampagne erklärt mir Devina, dass sie die Rede vom sogenannten globalen Süden vermeiden will. In Deutschland gibt es ja schon seit Jahren kontroverse Diskussionen darüber, welche Begriffe in diesem Kontext politisch korrekt sind. Viele negativ konnotierte Bezeichnungen sind zwar überwunden und auch der Vereinsname von Fairtrade Deutschland enthält schon länger den Ausdruck der Einen Welt anstelle der Dritten Welt. Aber ob nun von Entwicklungsländern, Schwellenländern oder Transformationsländern gesprochen wird – gleich bleibt bei allen Wörtern und Synonymen, dass eine Trennlinie zwischen zwei vermeintlich distinkten Kategorien gezogen wird und genau das ist der Aspekt, den Devina kritisiert.

Mit Indien verbinden viele, wie mit allen Ländern und Kulturen auch, eine Menge Klischees. Manche von ihnen treffen zu – größte Demokratie, heilige Kühe, extreme Armut. Auch wenn es stereotypisch ist und schon häufig gesagt wurde, der indische Subkontinent ist in vielen Hinsichten wirklich ein Land der Gegensätze. Einerseits ist Indien eines der wichtigsten Anbauländer für Fairtrade-zertifizierte Produkte, hinsichtlich des deutschen Marktes insbesondere für Baumwolle, Reis und Tee. Was Devina mit der diesjährigen Fairtrade Week darüber hinaus zeigen will, ist aber andererseits, dass Indien nicht nur das ein Land der Produzenten, sondern auch ein Land der Konsumenten ist.

Foto: Fairtrade India

Indien gehört neben Brasilien, Russland und China zu den BRIC-Staaten, die seit einigen Jahren als neue Wirtschaftsmächte gehandelt werden. Dazu trägt unter anderem der Boom der indischen Software-Industrie bei, die hauptsächlich in Bangalore angesiedelt ist. Trotz der drastischen Zahlen zu Armut und Hunger besteht hierzulande gerade im Süden und in den Großstädten des Landes wie Mumbai eine hohe Kaufkraft. Allerdings wächst die Ungleichheit zunehmend, wie üblich profitieren nur die wenigsten von dem Wirtschaftswachstum. Ein Grund mehr für die indischen Konsumenten, Kleinbauern und Plantagenarbeiter durch Fairtrade zu unterstützen, weltweit und so auch in Indien.