Freitagnachmittag, 18.09.2015. Pfadfinder der Deutsche Pfadfinderschaft Sankt Georg aus den unterschiedlichsten Ecken Deutschlands (und sogar aus Belgien) machen sich auf den Weg nach Würzburg, um am Fairtrade- Scouts-Wochenende teilzunehmen.

Um 19:00 treffen  die letzten Teilnehmer/innen ein und nach einem stattlichen Abendessen geht es los mit einem Vorstellungsspiel: Wie heißt man überhaupt, welche Fähigkeit macht einen einzigartig, und natürlich das Wichtigste: Welche interessanten Fakten zum Thema „Fairer Handel“  kennt man eigentlich?

Weiter geht es mit einem Willkommensgruß von den  Kampagnenleitern Dr. Frank Eichinger, Mitglied des TransFair-Aufsichtsrats und Raphael Breyer, Bundesarbeitskreis Internationale Gerechtigkeit der DPSG.Schließlich endet der erste Tag mit einem Kurzfilm, Brettspielen und Kickern.

Worum geht es bei den Fairtrade-Scouts?

Samstagmorgen geht es um neun Uhr mit den Hintergründen zu der Kampagne weiter. Das Ziel sei es, den Fairen Handel im Denken und Handeln zu verankern.  „Wir als Pfadfinderinnen und Pfadfinder engagieren uns, weil es unser Selbstverständnis ist.“, erklärt Raphael.

Aber wie genau soll das in die Tat umgesetzt werden? Die Pfadfinder-Gruppierungen können sich als Fairtrade- Stämme auszeichnen lassen, sofern sie diese fünf Kriterien erfüllen:

1.       Beschluss der Stammesversammlung

2.       Gründung eines Fairtrade-Scouts Teams

3.       Alle Gruppen beschäftigen sich innerhalb eines Jahres mit dem Thema Fairer Handel

4.       Inhaltlicher Bestandteil bei einer Stammaktion

5.       Öffentlichkeitsarbeit zu jedem Schritt in Presse und Blog

Projektpartner sind TransFair e.V. und das Bischöfliche Hilfswerk Misereor e.V..

Peter Maiwald, Mitglied der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen und Sprecher für Umweltpolitik in der Bundestagsfraktion ist Pate der Kampagne. Er selbst war von 1993-1996 Bundesreferent für Entwicklungsfragen in der DPSG.

Pfadfinderspiele und die Grundlagen des Fairen Handels

Über einen Mangel an Abwechslung kann man sich nicht beschweren, denn nun geht es weiter mit einem Pfadfinderspiel, das sich Kohlkopf nennt.  Die Gruppe steht im Kreis (wahrscheinlich der Kohlkopf) und zwei Leute spielen darin fangen. Der Gejagte darf sich bei einer Person aus dem Kreis anhängen und daraufhin wird der Jäger zum Gejagten, denn die nächste Person aus dem Kreis wird ihn jetzt versuchen zu fangen.

Nachdem jeder jetzt gut aufgewärmt ist, geht es zurück in den Seminarraum, wo Frank Eichinger damit beginnt, die Grundlagen des Fairen Handels zu erklären. Die DPSG wurde schon kurz nach der Gründung von TransFair Mitgliedsorganisation, nämlich 1993.

Die sich selbst gestellte Frage, warum überhaupt Fairtrade, beantwortet Frank Eichinger so:

„Kleinbauern produzieren 70% aller Nahrungsmittel weltweit, gleichzeitig gehört die Hälfte der weltweit Hungernden einer Kleinbauernfamilie an“.

Wie genau die Vertretung der Kleinbauerninteressen funktioniert, wird durch die Struktur von Fairtrade klar. Fairtrade International ist historisch gesehen ein Zusammenschluss von Labelling- Institutionen. Seit Längerem sind aber nun auch die Produzenten ein Teil von Fairtrade International. Vertreten werden sie durch die Produzentenorganisationen in der Mitgliederversammlung, die 50% Stimmrecht haben.

Besonderes Interesse zeigten die Teilnehmer/innen an der Inspektion und Zertifizierung vor Ort und daran, dass beispielsweise bei Verletzungen des Standards die Kooperative erst gewarnt wird, die Chance zum Nachbessern bekommt und wenn dies nicht erfolgt ist, erst dann dezertifiziert wird. Vor allem aber sind die Kosten von 2000$ (variiert nach Größe der Kooperative) für Zertifizierung ein umstrittenes Thema. Die Teilnehmer möchten wissen, wie es sich eine kleine Gruppe von Menschen in der Dritten Welt überhaupt erst einmal leisten kann, so eine Gebühr zu bezahlen. Frank Eichinger erwidert, dass diese Kosten als eine Investition gesehen werden müssen, denn im Schnitt betragen sie nur 3% der Prämieneinnahmen. Damit ist die Gruppe auch schon bei den Werkzeugen von Fairtrade: Festgelegte Mindestpreise und die Fairtrade-Prämie, die, wie die Gruppe erfährt, noch zusätzlich auf den Lohn draufgezahlt wird. Die Produzenten können sie in alle möglichen Projekte vor Ort investieren: Schulen, Krankenhäuser, Straßen, aber auch  in Weiterbildungen, die wiederum die Produktion steigern.

Die Kampagne Fairtrade-Schools und Begeisterung für den Fairen Handel

Nachdem nun alle ein erstes Bild von den Aufgaben von  Fairtrade haben, geht es weiter mit den Kampagnen von Fairtrade, die von der Fairtrade-Schools-Kampagnenleiterin Maike Schliebs vorgestellt werden.  Schließlich wird auch die Fairtrade –Schools Kampagne erklärt. Für die angehenden Fairtrade- Scouts hat sie einen besonderen Stellenwert:

1.       Die Kriterien der Scouts-Kampagne sind stark an die der Schools-Kampagne angelehnt.

2.       Vor allem aber ähneln sich die Zielgruppen der beiden Kampagnen, da beide ein sehr junges Publikum ansprechen.

Wichtig ist es hier vor allem, die Begeisterung der Kinder zu entfachen. „Es muss Spaß machen sich mit Fairem Handel zu beschäftigen“, erklärt Maike Schliebs.

Produzentenbesuch aus Honduras

Nach dem Mittagessen steht das Highlight des Wochenendes an: Der Besuch der beiden Kaffeproduzenten aus Honduras.

Sonia Vasquez, die leitende technische Assistentin der Kaffeorganisation Café Orgánico Marcala (COMSA), und Rodolfo  Peñalba, der Geschäftsführer der Organisation, bereisen im Rahmen der Fairen Woche Deutschland und halten Vorträge über ihre Erfahrungen mit dem Fairen Handel.

Nun können die Pfadfinder prüfen, inwiefern die vorgestellte Theorie auch wirklich in der Praxis angewendet wird. So wird nach der Nutzung der Fairtrade- Prämie gefragt, die in diesem Jahr 1,6 Millionen Euro betragen wird. Bei COMSA wird sie in diverse Umwelt- und Bildungsprojekte investiert:  Auf einer Musterfarm gibt es ein Labor, in dem Bodenproben untersucht werden.

Auch die Bildung spielt für Rodolfo Peñalba eine wichtige Rolle:

„Mit Bildung haben wir die Möglichkeit, unsere Kinder zu verwandeln. Eine Verwandlung in bessere Menschen mit Bildung, Wissen, Wertvorstellungen und Solidarität“.

Auf die Frage, wie das Geschäft vor der Zertifizierung lief und ob sie sich denn gelohnt habe, antwortet Rodolfo Peñalba erst einmal knapp: „Schwierig“.

Die Zertifizierungskosten von 2500€ im Jahr haben sich rentiert:  4000 Tonnen Kaffee kann COMSA mittlerweile exportieren, vor der Zertifizierung waren es nur 800 Tonnen.

Schließlich müssen die beiden auch schon wieder gehen, der Plan für die Reise ist straff organisiert. Sonia Vasquez erzählt, dass sie im Moment viel reisen. So waren sie vor dem Besuch bei uns in einer Schule eingeladen, bei der die Idee eines Schüleraustausches aufkam. Sonia Vasquez ist der Meinung, dass Schüler aus Deutschland neue Ideen und Innovation mitbringen können.

Wie kann konkretes Engagement aussehen?

Der nächste Vortrag wird von Wilfried Wunden von Misereor  gehalten.  Misereor, erklärt Wilfried Wunden, ist sowohl Gesellschafter der GEPA, als auch Mitgliedsorganisation von Transfair e.V..

Nach einem Film zur Schmuckproduktion in Nairobi kommt Wilfried Wunden zu der Frage, was Fairer Handel eigentlich sei. Es wird deutlich, dass es gar nicht so einfach ist, Güter wie Schmuck zu zertifizieren.

Die angehenden Fairtrade- Scouts erfahren, wie man sich als Stamm engagieren kann:

·         Bewusster Konsum

·         Bildungsarbeit

·         Öffentliche Beschaffung

„Die Stärke des Fairen Handels in der Bildungsarbeit ist das Produkt“, erläutert Wilfried Wunden. Das bedeutet, man könne als Pfadfinder auch ruhig mal eine „Fairkostigung“ durchführen, um etwas skeptische Mitglieder zu überzeugen.

Zuletzt  zeigt uns Wilfried Wunden eine Methode, sich auf typische Argumente gegen den fairen Handel vorzubereiten:

·   Auf vorbereiteten Karten stehen Aussage wie: „Das ist viel zu teuer…“ oder „Es gibt doch auch arme Menschen in Deutschland…“.

·    Man zieht eine Karte und darf ich sie einer Person seiner Wahl geben, die dagegen argumentieren muss.

Der Zweck des Spiel sei es, sich auf unangenehme Statements vorzubereiten, die  früher oder später auftauchen können.

Der Tag wird beendet mit einer Runde (alkoholfreien) Cocktails aus fair gehandelten Produkten und mit Kurzfilmen zum Thema Fairer Handel.

 „Unfaire“ Spiele

Sonntagmorgen, der letzte Tag des Fairtrade Scouts Wochenendes beginnt. Aber nicht etwa mit einem langen Vortrag oder der Auswertung von Infomaterialien, sondern es geht raus auf den Hof. Frank Eichinger hat nämlich schon ein Würfelspiel (eigentlich für Kinder) vorbereitet, die Gruppe wird in Teams eingeteilt und schon geht es los. Das Ziel könnte nicht simpler sein: Einfach nur vor den anderen das Ziel erreichen und damit die Schokolade gewinnen.  Wer zuerst einen gewissen Punkt erreicht, darf eine neue Regel setzen. Irgendeine Art Begrenzung gibt es nicht, und so kann man seine Gegner vollkommen willkürlich an den Anfang zurückschicken.  „Aber das ist doch unfair!“ Stimmt, genau das ist der Sinn des Spiels und genau deswegen regt es zur Diskussion an.

„All that can be, must be fairtrade!“

Schließlich geht es wieder rein und wir diskutieren über die verschiedenen Siegel. Einige Verwirrung entsteht durch die Frage, wieso der Mindestanteil an fair gehandeltem Rohstoff nur 20% beträgt. Aber mit Hilfe des Grundsatzes „All that can be must be fairtrade!“ kann die Lage schnell auf den Punkt gebracht werden. Alles was aus dem Fairen Handel stammen kann, tut es das auch zu 100%, nur die Zutaten, die es ohnehin nicht im Fairen Handel gibt, stammen auch nicht aus ihm.

Der Abschied

Die Zeit ist wie im Flug vergangen und mittlerweile ist es Mittag, das Programm ist zu Ende und alle machen sich mit Fairtrade-Stoffbeuteln und Infomaterial auf dem Weg nach Hause.

Nach diesem Wochenende wissen die Teilnehmer, wie sie als Multiplikatoren ihre Stämme über Fairen Handel informieren können, welche  Aktionen durchgeführt werden können, kurz: Wie der Stein ins Rollen gebracht werden kann.

Und genauso hat dieses Wochenende auch gezeigt, wie viel Spaß es macht, sich mit dem Thema Fairer Handel zu beschäftigen, ob durch das gemeinsame Spielen, das Kennenlernen oder sich Austauschen mit Menschen aus anderen Teilen der Welt.