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Raghunatha K M kennt die Probleme und Herausforderungen der Textilproduktion.

Was der Fairtrade-Textilstandard anders machen soll

Interview mit Raghunatha K M, Geschäftsführer (Generaldirektor) des Beratungsunternehmens Four-D Management Consulting in Bangalore. Raghunatha arbeitet seit vielen Jahren mit unterschiedlichen Beteiligten der Textilproduktion zusammen. Er ist als Berater, Auditor und Trainer im Einsatz. Unter anderem ist er auch für die Implementierung des SA 8000 Standards, einem Standard für soziale Verantwortung von Unternehmen, der SAI (Social Accountability International) zuständig.
Für Fairtrade hat er kürzlich in zwei Fabriken in Tiruppur Schulungen zum Thema Fairtrade mit Arbeiterinnen und Arbeitern durchgeführt. Während unserem Aufenthalt in Indien sprachen wir mit ihm über seine Erfahrungen mit Zertifizierungen und über die Herausforderungen einen Fairtrade-Textilstandard ins Leben zu rufen.

Sie haben Schulungen zum Thema Fairtrade in zwei Betrieben in Tiruppur durchgeführt. Was waren die Inhalte der Trainings?
Bei den Trainings ging es darum den Teilnehmerinnen und Teilnehmern, die aus allen Arbeitsbereichen der Fabriken stammten, zu vermitteln, was hinter Fairtrade steht und sie für das Thema zu sensibilisieren. Dafür haben wir ihnen zunächst Filme über Fairtrade gezeigt. Die Filme haben gezeigt, wie Fairtrade das Leben von Baumwollbauern positiv beeinflusst. Am Beispiel Baumwolle konnten sie sehen, wie der Faire Handel funktioniert. Außerdem haben wir die Teilnehmer mit Hilfe von Rollenspielen dazu ermutigt darzustellen, welche Aspekte Fairtrade aus ihrer Sicht im Bereich der Textilproduktion berücksichtigen sollte.

Warum ist es wichtig, die Beschäftigten für Fairtrade zu sensibilisieren und ihnen Fairtrade zu erklären? Was sollte damit erreicht werden?  
Die Fabriken und ihre Arbeiterinnen und Arbeiter sind gewohnt mit vielen unterschiedlichen Codes of Conducts (Selbstverpflichtungen) und anderen Zertifizierungssystemen von Unternehmen konfrontiert zu werden, die sie dann umsetzen sollen. Es ist wichtig, dass sie wissen, warum Fairtrade sich von diesen abhebt, warum es anders ist  und was genau dahinter steht.
Wenn die Manager und die Angestellten das Konzept gar nicht verstehen, dann kann es auch nicht gelebt werden. Die Beschäftigten wussten vielleicht, dass Fairtrade etwas mit den Bauern zu tun hat. Aber was bedeutet das dann konkret für sie? Sie müssen wissen, was sie davon haben die Standards umzusetzen. Sonst gibt es keine Veränderung.

Während dem Training haben Sie die Teilnehmer auch gefragt, welche Aspekte für Sie selber am wichtigsten sind und welche von einem Fairtrade-Textilstandard abgedeckt werden sollten. Was waren die Antworten?
Zum einen natürlich das Thema Mindestpreise bzw. in ihrem Fall existenzsichernde Löhne. Aber auch das Konzept der Fairtrade-Prämie wurde als sehr positiv wahrgenommen, da so langfristig die ganze Gemeinschaft profitieren kann. Der Gemeinschaftsaspekt und das Gemeinschaftsgefühl spielt in Indien eine wichtige Rolle.
Außerdem spielt auch die Gesundheits- und Sicherheitsbedingungen in den Fabriken eine große Rolle.

Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Aspekte, die ein Fairtrade-Textilstandard mit abdecken sollte?
Um so einen Standard entwickeln zu können müssen, zuerst alle Schritte, Probleme und Aspekte der kompletten Lieferkette  verstanden werden. Die Lieferkette ist sehr komplex. Außerdem sollten neben ökonomischen auch soziale und ökologische Faktoren berücksichtigt werden. All das hat einen Einfluss auf die ökonomische Entwicklung. Aspekte wie Gesundheits- und Sicherheitsvorkehrungen müssten geregelt werden, auch die Bedingungen und Art der Anstellung sind wichtig für die Beschäftigten, wie die Form der Arbeitsverträge und natürlich die Höhe der Löhne.

Sie haben schon angesprochen, dass die Textilproduktion sehr komplex ist. Ist es aus Ihrer Sicht trotzdem realistisch einen solchen Standard zu entwickeln und umsetzen?
Es ist auf jeden Fall ein langer Weg. Wenn Sie mich fragen, ob man einen solchen Standard braucht, ist die Antwort klar: Ja! Dabei muss ganz klar herausgestellt werden, wie sich so ein Standard von Selbstverpflichtungen und anderen Zertifizierungen unterscheidet. Ansonsten ist es nur ein weiteres Papier, das neben den anderen Zertifikaten an die Wand gehangen wird.

Für Sie ist die Umsetzung eines Standards die wichtigste und schwierigste Hürde. Was ist das Wichtigste, das man dabei beachten sollte?
Am wichtigsten sind Trainings mit den Beschäftigten, um das Bewusstsein für den Standard bzw. Fairtrade zu fördern. Was genau ist die Veränderung für den einzelnen Arbeiter, für die einzelne Arbeiterin, die die Zertifizierung bringen soll? Das Prinzip und die Vorgehensweise der Fairtrade-Standards, ist dabei sehr wichtig: Fairtrade arbeitet ja bereits mit einem Stufenplan. Das heißt, es geht nicht darum einen Standard zu erfüllen und fertig – hier erhalten sie ihr Zertifikat – sondern sich Schritt für Schritt zu verbessern und in eine bestimmte Richtung zu bewegen. Nur so kann Veränderung und Entwicklung bewirkt werden.

Im Moment gibt es viele Zertifizierungen, die zu einfach erreicht werden können. Das ist wie ein „Fotofinish“  im Wettrennen um die Zertifizierung. Sobald man gerade so das Ziel überquert hat, hat man seine Aufgabe erledigt – aber das entspricht oft nicht der Realität. Schauen Sie sich um, man wird nur schwer eine Fabrik finden, die es nicht geschafft hat eine SA8000 Zertifizierung zu erreichen. Es ist zu einfach die Zertifizierung zu bekommen und sehr schwierig sie wieder zu verlieren.

Zudem ist es so, dass sich bei gängigen Standards wie BSCI (Business Social Compliance Initiative) oder SA8000 die Unternehmen nach Erhalt der Zertifizierung nicht mehr anstrengen oder weiter entwickeln. Das heißt nicht, dass die Standards an sich schlecht sind, aber sie werden teilweise nicht gut umgesetzt.
Bei Fairtrade ist das eben anders, hier müssen nach und nach weiter Fortschritte erzielt werden und wenn diese nicht erreicht werden oder bestimmte Inhalte der Standards nicht eingehalten werden hat das Konsequenzen.

Wenn Sie mich fragen, sollte es für die Fabriken nicht zu einfach sein einen Fairtrade-Textilstandard zu erfüllen.  Sonst ist die Zertifizierung nichts Besonderes. Die Fabriken sollen später stolz sein, dass sie ein Fairtrade-Zertifikat erhalten haben, sonst hat das ganze keinen wert.

Und was haben die Unternehmen, die ihre Kleidung in zertifizierten Fabriken herstellen lassen, von so einem Standard?
Als aller erstes bedeutet es für die Unternehmen Sicherheit. Schlechte Nachrichten aus den Produktionsländern treffen die Unternehmen wie ein Bumerang. Indem sie vielleicht ein paar Cents mehr ausgeben, können sie Beschwerden vermeiden, sie minimieren ihr Risiko und verbessern ihre Reputation.