Koopmanskloof: Auf der Suche nach dem gemeinsamen Nenner
Verfasst von Edith Gmeiner am 15. November 2011 in International, Produzenten, ReisenDie Spielregeln fuer die Nutzung der Fairtrade Praemie sind relativ simpel. Sie soll der Gemeinschaft dienen. Sie soll die soziale, oekonomische und oekologische Entwicklung der Arbeiterfamilien und der Gemeinden foerdern. Und sie soll im Sinne einer demokratischen Mehrheit investiert werden. Die Entscheidung ueber die Nutzung faellt der Joint Body. Soweit die Theorie.
Von der Theorie zur Praxis
Beim Weingut Koopmanskloof passen Theorie und Praxis nur bedingt zusammen. Beispielsweise wird der Fairtrade-Officer, Peter Titus, zu 80 Prozent durch Fairtrade-Praemiengelder bezahlt. Das ist soweit in Ordnung, sagt Malin, vorausgesetzt es entspricht dem Willen der Arbeiterinnen und Arbeiter. Und vorausgesetzt, Peter arbeitet tatsaechlich zu 80 Prozent fuer den Joint Body bzw. die Arbeiter und nicht fuer das Management. Aber ist dem tatsaechlich so? FLO-Cert verlangt Transparenz. Es muss nachvollziehbar sein, dass die Praemie im Interesse der Arbeiter investiert wird. Doch genau hier hapert es. Wofuer investieren? Was will die Mehrheit ueberhaupt? Und: was davon ist realistisch und tatsaechlich umsetzbar? Vier verschiedene Farmen gehoeren zu Koopmanskloof. Unterschiedliche Entfernungen zum Arbeitsplatz und unterschiedliche Lebensbedingungen fuehren fast Zwangsweise zu Interessenkonflikten..
“Needs Assessment” – Was wirklich gebraucht wird
Um 7 Uhr beginnt das “Needs assessment” – die Bedarfsanalyse – bei Koopmanskloof. Peter Titus hat Malin gebeten, daran teilzunehmen. Ueber 100 Arbeiterinnen und Arbeiter sind gekommen und sitzen auf Plastikstuehlen in einem Raum, der bis auf die Versammlungsflaeche voller Barrique-Weinfaesser steht. Dementsprechend riecht es nach Wein und modriger Feuchtigkeit. Peter Titus ist ein herzlicher Mann um die Mitte 40, er hat einen guten Draht zu den Arbeitern und ist sehr interessiert an Fairtrade. Leider, meint Malin, faellt ihm schwer, seine Rolle tatsaechlich auszufuehren. Er weiss eigentlich bescheid, dass Praemienprojekte durch die demokratische Mehrheit legitimiert werden muessen. Trotzdem gab es bisher noch keine solche Versammlung, wie heute…

Peter Titus ist Fairtrade Officer bei Koopmanskloof. Seine Stelle ist zu 80 Prozent durch Praemiengelder finanziert.
Das Treffen findet auf Afrikaans und Xhosa statt – Malin hat wieder Flyer dabei und erklaert das Fairtrade-System. Sie zeigt Fotos von gelungenen Praemienprojekten, erklaert, worauf es beim Einsatz der Praemie ankommt, und dass es auch wichtig ist, auf langfristige Auswirkungen zu achten, sei es, weil ein Praemienprojekt laufende Kosten zur Folge hat, oder auch, weil Praemienprojekte Geld generieren und somit zweifach positive Auswirkungen haben koennen. Nach der Theorie folgt der eigentlich wichtige Teil. Aufgeteilt in Gruppen nach ihrer jeweiligen Herkunftsfarm und nach Geschlecht sollen die Arbeiterinnen und Arbeiter besprechen, wo ihre Beduerfnisse liegen. Jede Gruppe bekommt Karteikarten, um die wichtigsten Ideen festzuhalten.
Ein eigenes Dach ueber dem Kopf
Die Ergebnisse der Gruppenarbeit werden im anschliessenden Joint Body Meeting besprochen. Die Auswertung der Karteikarten zeigt ein recht eindeutiges Ergebnis. Weit vorn liegt der Wunsch nach eigenen Haeusern. Ein Eigenheim – Sicherheit und ein Dach ueber dem Kopf, auch ueber den Job hinaus – die eindeutige Nummer Eins. Als weitere Wuensche stehen Hausaufgabenbetreuung (After School Project), ein Forschungszentrum und der Ausbau der Kinderkrippe auf der Agenda. Es gibt noch weit mehr Vorschlaege. Auch die Bezahlung von Peters Stelle ist einer davon. Nun liegt es am Joint Body, zu entscheiden. Rund 31.000 Euro Praemiengelder stehen derzeit zur Verfuegung. Um Haeuser fuer ueber 100 Arbeiterinnen und Arbeiter zu bauen viel zu wenig. Andererseits koennte man mit ein paar Haeusern anfangen und dann nach und nach mehr dazu bauen. Doch was, wenn – aus welchen Gruenden auch immer – die Fairtrade-Praemie ausfallen wuerde? Wer kaeme als erstes dran, wer muss warten?
Kompromiss mit Transparenz
Die Joint Body-Mitglieder waegen ab, vergleichen, was noetig und was moeglich ist. Alles wird notiert, die Karteikarten und Flip Chart-Plakate aufbewart, um beim naechsten FLO-Cert Audit einen trasparenten Entscheidungsprozess vorweisen zu koennen.
Malin bleut den Joint Body-Mitgliedern ein, langfristig zu denken: Ein Sportplatz mag eine nette Idee sein, aber wie viel groesser ist der Mehrwert, wenn man durch ein Praemienprojekt die eigene finanzielle Situation zukuenftig verbessert. Wir fahren zurueck und ueberlassen es den Mitgliedern des Joint Body und Peter Titus, das Needs Assessment weiter auszuwerten. Bevor wir aufbrechen sieht es nicht nach Hausbau aus. Zu wenig Geld fuer ein Grossprojekt wie dieses. Aber die Hausaufgabenbetreuung scheint gute Chancen zu haben…
Im Auto sagt Malin zu mir: “Du weisst, wie wenig die Arbeiter verdienen. Es waere so gut, wenn sie in ein Projekt investieren, dass sie oekonomisch besser stellt. Aber ich kann nachvollziehen, dass der Wunsch nach einem eigenen Heim so gross ist – die Arbeiter hatten noch nie eigenen Besitz.”
Noch ist alles offen und ich bin gespannt, welches Projekt der Joint Body von Koopmanskloof in Angriff nehmen wird. Eines ist klar: Es ist ein Kompromiss, der kleinste gemeinsame Nenner aus Machbarkeit und Notwendigkeit. Ob Peter langfristig Fairtrade Officer bleibt…?




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